Kanter zerreißt den vorhang: deutscher erstligist gewinnt in montargis

Max Kanter schlug die Hände vors Gesicht, brach in Tränen aus. 187 Kilometer waren es von Épône bis Montargis, und am Ende stand ein Deutscher obenauf – erstmals seit 2019 wieder.

Kanter nimmt sich die bühne

Der 28-jährige Thüringer hatte die letzten zwei Jahre mit Grippe, Rückenproblemen und der Frage verbracht, ob Astana ihn überhaupt noch braucht. Die Antwort kam im Schatten der Kathedrale von Montargis: ein Sprint, zwei Bahnen, null Zweifel. Kanter setzte sich mit einer Länge Vorsprung gegen Laurence Pithie und Jasper Stuyven durch – und ließ das Feld reden.

Dahinter der Crash, den keiner senden wollte. Phil Bauhaus rutschte in der letzten Rechtskurvung weg, touchierte die Bande, flog aufs Asphalt. Bahrain-Victorious bestätigte sofort: Schlüsselbein gebrochen, Saison vorbei. Die Bilder liefen im Loop, während Kanter noch rang, das Trikot nicht nass zu weinen.

Luke Lamperti behält das Gelb, doch das ist heute Nebensache. Der US-Amerikaner selbst schaute nur kurz aufs Handy, dann gratulierte er dem Mann, der einst als „zu groß für die Berge, zu leicht für den Sprint“ galt. Dieses Mal war alles passend: die 300 Watt in der letzten Viertelstunde, die Positionierung von Omar Fraile, der finale Slingshot aus Rückenwind.

Der satz, der alles erklärt

Der satz, der alles erklärt

„Ich habe so lange darauf gewartet“, sagte Kanter, und man glaubt ihm jede Silbe. Sein letzter WorldTour-Sieg datiert von der Deutschland Tour 2020, seitdem fuhr er meist Domestique, riss für andere die Windmühlen. Die Zahlen dahinter: 73 Renntage ohne Erfolg, 14 Grand-Tour-Einsätze, kein einziger Tag in Rot, Gelb oder Rosa. Heute also die Quittung für Geduld und Glanz.

Paris-Nizza gilt als Frühjahrsmesser, wer hier gewinnt, darf sich auf die Monate bis Flandern und Roubaix freuen. Für Kanter heißt das: Druck weg, Vertrag sicher, Selbstzweifel ad acta. Teamchef Alexander Vinokourov sprach von „einer Erlösung für die ganze Mannschaft“, und selbst der sonst so kühle Astana-Co-Direktor Dmitri Sedoun vergaß seine russische Gelassenheit: „Manchmal braucht’s eben einen Deutschen, um die Maschine wieder anzuwerfen.“

Die 3. Etappe führt morgen ins bergige Roanne. Für Kanter wird wieder Dienstag, wieder Helfen. Aber heute darf er feiern – und die Radsport-Welt erinnert sich, warum sie diese kleinen, zähen Geschichten liebt. Wer zweimal aufsteht, kann auch mal gewinnen.