Kamila sellier zeigt narbe: „ich sehe doppelt – und fahre trotzdem weiter"

Ein zartes Titangitter hält Kamila Selliers Augenhöhle zusammen. Die 25-Jährige lacht, während sie in die Kamera blickt – und dann sagt sie den Satz, der selbst dem Moderator die Sprache verschlägt: „Wenn ich nach oben schaue, sehe ich zwei Bilder. Manchmal auch nach unten.“

Die kufe traf sie zwei zentimeter neben dem auge

Der Unfall in Mailand war in Echtzeit zu sehen: Eine Italienerin rutscht aus, die Kufen kreischen über das Eis, dann trifft die Stahlkante Sellier. Blut spritzt auf die weiße Bande, die Arena verstummt. Zwei Wochen später saß sie im Studio von „Dzień Dobry TVN“ und hob erstmals die Sonnenbrille. Die Narbe zieht sich wie ein feiner Riss vom Wangenknochen bis zur Augenbraue – ein anatomischer Faultline, der anzeigt, wie knapp Olympia hier eine Karriere beendete.

Ärzte richteten den Jochbeinbruch mit Titanstiften, fügten das Gitter ein, verankerten den Knochen neu. Was die Bilder nicht zeigen: Selliers Blickfeld ist seitdem verzerrt. „Ich habe gelernt, das Gehirn arbeitet mit“, sagt sie. „Es filtert, vergleicht, entscheidet, welches Bild echt ist.“ Ihr Mann Diané, selbst Shorttracker, saß neben ihr und bestätigte: „Sie trainiert mit verklebten Gläsern, damit das Gehirn wieder koordiniert.“

Die zukunft beginnt mit einem sehtest

Die zukunft beginnt mit einem sehtest

Drei weitere Augenarzttermine stehen an, dann entscheidet sich, ob weitere Operationen nötig sind. Sellier hat schon angekündigt, zur Weltcup-Saison 2026/27 wieder aufs Eis zu steigen. „Ich will zeigen, dass Unfälle Teil des Sports sind, aber nicht das Ende“, sagt sie. Die Shorttrack-Welt hat reagiert: Die ISU prüft eine Veränderung der Schutzausrüstung, ein Hersteller testet bereits Polster an den Außenseiten der Schuhe.

Die Quote der Sendung stieg auf 23 Prozent – ein Drittel Polen schaute zu, wie eine Sportlerin ihre Verletzung nicht beschönigte, sondern in ein Anatomie-Lehrbuch verwandelte. Selliers letzter Satz im Interview war kein Appell, kein Pathos. Sie sagte einfach: „Wenn ich wieder starte, trage ich kein Visier. Ich möchte die Narbe sehen. Sie erinnert mich daran, wie schnell alles vorbei sein kann – und wie schnell man wieder da sein kann.“