Josh kerr jagt el guerroujs geist: 3:42 oder nichts

Am 18. Juli wird die Londoner Straße vor dem Olympiastadion kurz vor Mitternacht stillstehen. Dann läuft Josh Kerr eine Runde, 1.609 Meter, und will zurückholen, was Britannien seit 1999 fehlt: den Weltrekord über die Meile. 3:42 – nichts anderes zählt.

Warum rom die uhren stillstehen ließ

Hicham El Guerrouj war 24 Jahre alt, als er am 7. Juli 1999 durch den Olympiapark von Rom flog. Die Zeit: 3:43,13. Noah Ngeny wurde zweiter – mit 3:43,40, einer Leistung, die heute noch Rekord in Kenia wäre. Die beiden haben die Stoppuhr so weit nach vorn gedreht, dass seitdem kein Mensch mehr daran rütteln konnte. Die Schuhe wurden immer leichter, die Monitore schlauer, die Trainingspläne individueller – und doch steht die Marke von 1999 unbeirrt.

Die Ironie: El Guerrouj hatte ein Jahr zuvor schon die 1.500 Meter ins Jenseits befördert. 3:26,00, ebenfalls im Stadio Olimpico. Ein Stadion, das für Mittelstreckler so etwas ist wie das Colosseum für Gladiatoren: wer hier überlebt, schreibt Geschichte.

Project 222 und der brooks-würfel

Project 222 und der brooks-würfel

Josh Kerr trägt keine Nikes, keine Adizero, sondern Brooks. Das kleine Label aus Seattle hat mit dem Schotten einen Würfel gebaut, in dem sich alles dreht: Schlaf, Ernährung, Biomechanik, Psyche. Drei Prototypen von Trikots, alle nur für ihn geschnitten, eine Carbonplatte, die sich an die Fußarbeit von Kerr koppelt, und ein Labor, das seinen Puls bis auf Zehntel herunterbrechen kann. „Project 222“ – 222 Sekunden für 3:42,00 – klingt nach Marketing, ist aber ein offener Plan, der schon vor Monaten mit der World Athletics abgestimmt wurde.

Kerrs Bestzeit: 3:45,34, aufgestellt im Mai in Eugene, dem Mekka der US-Leichtathletik. Dort, wo vorher Jakob Ingebrigtsen 3:43,73 lief und sich selbst auf Platz drei der ewigen Liste katapultierte. Der Abstand klingt nach 3,34 Sekunden – in der Sprache der Mittelstrecke ein Marathon.

Die insel und ihre meile

Die insel und ihre meile

Roger Bannister brauchte 1954 3:59,4 und wurde zur Legende, weil er die vier Minuten zerbrach. Seitdem führten sechs Briten den Weltrekord – bis Noureddine Morceli 1993 den Ball nach Algerien warf und El Guerrouj ihn endgültig in den Maghreb schoss. Für Kerr ist das kein statistisches Loch, sondern eine nationale Scharte. „Diese Distanz gehört nach Hause“, sagt er und meint damit nicht nur sich, sondern Sydney Wooderson, Sebastian Coe, Steve Ovett, Steve Cram – ein ganzer Pantheon, der zusehen will, wie endlich wieder ein rotes Trikot vorne liegt.

Die Rechnung ist einfach: er muss drei Sekunden schneller laufen als je zuvor. Das entspricht fast 50 Meter Vorsprung im Sprint gegen sich selbst. Die Wissenschaftler von Brooks sagen, dass bei 28 Grad, leichtem Gegenwind und 55 Prozent Luftfeuchtigkeit genau 0,7 Sekunden auf das Trikot und 0,9 Sekunden auf die Sohle fallen könnten. Der Rest ist willentliche Schmerzbefreiung.

Wenn die Uhr am 18. Juli stoppt, wird entweder eine Nation jubeln oder El Guerrouj weiter in den Geschichtsbüchern schlafen. Kerr selbst wird danach nicht fragen, was möglich war, sondern nur noch, wer als Nächstes drankommt. Denn Rekorde, das weiß er, sind keine Denkmäler – sie sind Startblöcke.