Jacquelin wechselt auf asphalt – und kommt wieder

Émilien Jacquelin hängt das Gewehr nicht an den Nagel. Er hängt es nur für sechs Monate hinter die Gardine und tauscht Schnee gegen Asphalt. Der Biathlon-Weltmeister startet beim Radsport-Team Decathlon-CMA CGM – eine Auszeit, kein Abschied. Im Winter 2025 steht er wieder im Wind von Le Grand-Bornand, nur mit anderen Muskelkater.

Warum ein champion plötzlich die sportart wechselt

Die Frage ist so alt wie der Leistungssport selbst: Was wäre, wenn ich meinen Körper woanders teste? Jacquelin will die Antwort nicht in der Theorie, sondern auf Strava. Er folgt einer Spur, die schon Primoz Roglic geebnet hat – nur dass der Slowene damals vom Schanzentisch aufs Rad stieg und fünf Grand Tours gewann. Roglic brauchte keine Null anfangen, er startete von oben: Junioren-Weltmeister im Skispringen, Weltklasse-Athlet mit Kopf und Lungen unter Helm.

Auch Nasser al-Attiyah lebt den Doppelpass. Seit 1996 olympischer Schütze, seit 2003 Dakar-Pilot, sechs Siege in der Wüste, zuletzt 2026. Keine Pause, kein Entweder-Oder, nur heißer Sand und kühle Munition. Luc Alphand schwor dem Kristall globulierten Schnee 1997 ab und schwor 2006 dem Dakar Treue. Die Liste wird länger, je weiter man blättert.

Vom eis ins feld, vom sprint ins eis

Vom eis ins feld, vom sprint ins eis

Marion Jones wechselte mit 34 Jahren von der Sprintbahn zum Basketballparkett, wurde WNBA-Profi ohne All-Star-Status, aber mit Startrecht. Cameron Wurf ruderte Olympia, radelte vier Grand Tours und schwamm Ironman-WM – alles ohne Leistungsdip. Eric Heiden holte 1980 fünf Goldmedaillen auf der Eisbahn, fuhr 1985 die US-Meisterschaft auf der Straße und beendete 1986 den Tour-Start in Saint-Malo. Petr Cech stand 20 Jahre im Fußballtor, dann stand er mit 41 Jahren im Eishockey-Kasten der Haringey Huskies. Gleiche Handschuhe, andere Temperaturen.

Und manchmal reicht der Wechsel nicht zum Sieg, aber zum Mythos. Usain Bolt probierte sich beim BVB, traf im Test gegen Leeds, lehnte ein Angebot ab und blieb Legende. Michael Jordan verabschiedete sich nach drei NBA-Ringen in den Baseball-Dornröschenschlaf, kehrte zurück und schraubte die Zahl auf sechs. Die Sportgeschichte liest sich wie ein Kaleidoskop aus Neuanfängen.

Der körper als offenes buch

Der körper als offenes buch

Bo Jackson war All-Star in zwei Sportarten zur selben Zeit. Jim Thorpe sammelte Gold, Touchdowns und Punkte wie Briefmarken. Ellyse Perry spielte Cricket-WM und Fußball-WM innerhalb von zwei Wochen. Ashleigh Barty nahm Auszeit vom Tennis, schlug sich im Cricket, kam zurück und holte drei Grand-Slams, bevor sie mit 25 Schluss machte. Jacquelin tritt nun in diese Reihe ein – nicht als Spektakel, sondern als Experiment.

Die Frage ist nicht, ob er zurückkommt. Die Frage ist, was er mitnimmt: neue Sauerstoffkurven, andere Schmerzspeicher, vielleicht einen Blick, der ruhiger wird, wenn der Puls auf 180 steigt. Der Biathlon wartet schon. Die Loipe liegt bereit. Und das Gewehr? Es hat Zeit. Die Uhr tickt nur auf dem Rad.