Italiens leichtathletik reist zu wm ohne heimstätte – rondelli packt aus

Gold im Gepäck, Matsch unter den Nägeln. Die italienische Leichtathletik spaziert als Champion in die Hallen-WM, doch ihre Athleten müssen sich weiterhin wie Nomaden beweisen. Giorgio Rondelli, Langstrecken-Urgestein und interner WM-Bauplanzeichner, zieht den Stecker: „Wir haben nur zwei funktionierende Hallen, und selbst die sind halbwegs brauchbar.“

Italiens indoor-sport lebt von zwei dächern und viel fantasie

Ancona – 100 % fit. Padua – für Einzelkämpfe okay, für Titelkämpfe ein Rohrkrepierer. Brescia? Erst 2024. „Unser Nationteam trainiert im Ausland, startet im Ausland, siegt im Ausland. Das ist kein Dauerzustand, das ist ein Wunder auf italienisch“, sagt Rondelli ohne Umschweife. Die Konsequenz: Wer um Edelmetall mitkämpfen will, bucht selbst Flug und Hotel. Das Ministerium schickt gute Wünsche.

Die Zahlen sind so hart wie der Kunstrasen in Padua: Seit 2020 stieg die Medaillenausbeute bei internationalen Hallen-Meisterschaften um 42 %, die Zahl der heimischen Wettkampfstätten stagniert bei zwei. „Wir entwickeln Weltklasse-Sprinter, verpassen aber die Infrastruktur für Nachwuchs-Meetings. Das frisst Talente, bevor sie starten“, warnt Rondelli.

Die Sprintstaffel um Roberto Dosso und das Phänomen Matthieu Doualla gelten als Medaillen-Kandidaten, weil sie den Großteil der Vorbereitung in Liévin und Karlsruhe absolvierten. „Wir haben sie ausgebildet, Frankreich und Deutschland haben sie wettkampffit gemacht“, so der Coach mit einem schiefen Grinsen. Gleiches gilt für Pietro Arese und Riva über 1500 m – ihre Saisonöffnung fand in Boston statt, nicht in Bologna.

Bei den Frauen bahnt sich ein Novum an: Eloisa Coiro und Gaia Sabbatini trainieren unter der Woche mit der U20-Gruppe des FC Turin, weil die regionale Leichtathletikhalle seit drei Jahren ein Impfzentrum ist. „Wir laufen um Impftische her, statt über Bahnböden. Das ist kein Spaß, das ist Realität“, berichtet Coiro. Ihre Konkurrentin Keely Hodgkinson aus Großbritannien dagegen absolviert Testläufe in einer 80-Millionen-Pound-Anlage in Manchester.

Ob Nadia Battocletti über 3000 m eine Medaille holt, entscheidet sich womöglich in der letzten Runde – und an der Frage, wie viele Flugstunden ihre Lungen vorher mitgemacht haben. „Ich kenne die Höhenlage meiner Hotelzimmer besser als die Kurven meiner Heimbahn“, sagt sie trocken.

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Die Stadt, die 2026 die Winterspiele ausrichtet, besitzt keine leistungsfähige Innenhalle für Leichtathletik. Ex-Weltmeister Fabrizio Mori wettert: „Wenn wir in Mailand keine gescheite Bahn haben, signalisieren wir den Kids, dass es sich nicht lohnt, zu trainieren.“ Die Region Lombardei stellte 2022 150 Millionen Euro für Eishallen bereit – für Leichtathletik flossen 0,4 Millionen.

Rondelli sieht den Nagel auf den Kopf treffen: „Sport tötet nicht, aber fehlende Hallen töten den Sport.“ Die italienische Delegation reist also nach Glasgow, mit Koffern voller Hoffnung und mit einem Aktenordner voller Hotelrechnungen. Die Medaillen sollen her, die Heimat bleibt auf der Baustelle.

Die WM beginnt heute. Die Athleten sind startklar, das Land nicht.