Italia steht vor dem abgrund: heute abend muss gegen nordirland gewonnen werden
26. März, Bergamo – 20.45 Uhr. Die New Balance Arena wird zur Schaltzentrale europäischer Fußball-Angst. Italien, vier Sterne auf der Brust, muss im Halbfinale der WM-Playoffs gegen Nordirland gewinnen – sonst droht das zweite WM-Desaster binnen vier Jahren.
Die Azzurri landeten gestern in Mailand. Flugzeug, Bus, Hotel – alles abgeriegelt. Kein Autogramm, kein Selfie. Roberto Mancini hat seinen Spielern den Spaß verboten, bis der Ball rollt. „Wir haben keine Luxus-Elf mehr, wir haben eine Not-Elf“, sagte ein Betreuer, der lieber anonym bleiben will. Die Reihe der Verletzten liest sich wie ein Befund: Bastoni nur 30 % Belastung, Scamacca noch unklar. Der Rest spielt auf Betäubung.
Mancinis geheimtraining: strafstoß-orgie bis zum muskelkater
Gattuso ließ gestern Abend alle 26 Feldspieler vom Punkt schießen – dreimal hintereinander. Kein Torhüter, nur ein Schiedsrichtsassistent, der pfeift und protokolliert. Das Ergebnis: 78 % Trefferquote. Das reicht nicht für ein Finale, aber vielleicht für die 90 Minuten, die Italien von Katar trennen.
Die Nordiren sind schon da, seit Montag. Michael O’Neill checkte seine Mannschaft im Hotel San Marco ein – zwei Straßen neben der Arena. Er trainierte dreimal nachts, Flutlicht aus, Zuschauer null. Sein Fazit: „Wir haben nichts zu verlieren, außer unseren Stolz.“ Die Pressekonferenz hielt er im Flughafen-Terminal, weil er wollte, dass die Journalisten direkt wieder abhauen.
Die Zahlen sind brutal: Italien hat fünf der letzten sieben Pflichtspiele nicht gewonnen. Nordirland kassierte in den letzten zehn Spielen nur ein Gegentor aus dem Spiel heraus. Das letzte Aufeinandertreffen? 0:0, November 2021, Windsor Park. Damals pfiff Orsato – heute wieder. Kein Zufall, sondern UEFA-Plan.

Ard und zdf ziehen sich zurück – die rai kauft sich frei
Die Partie läuft in Deutschland nur bei MagentaSport, weil die RAI die Exklusivrechte für Westeuropa kaufte. Stream-Start 20.40 Uhr, App öffnen, Account anlegen, fertig. Kostenlos nur in Italien – im Rest der Welt zahlt man 4,99 €. Die RAI-1-Übertragung wird von 14 Kameras begleitet, darunter eine Spider-Cam direkt über Mittelkreis. Die Bilder kommen mit 0,3 Sekunden Delay – genug, um Twitter vor dem eigenen Fernseher zu verlassen.
Die Wetter-App zeigt 8 Grad und leichten Regen an. Der Rasen wurde gestern frisch gesät, damit der Ball schneller rollt. Mancini will „Tiki-Taka auf Amphetamin“, O’Neill setzt auf „Tiefblock und Konter wie 2016 gegen Ukraine“. Die Gewinner-Elf bekommt 75.000 Euro Prämie – pro Kopf. Die Verlierer bekommen nur die Rechnung für die Heimreise.
Pünktlichkeit wird heute zum Mythos: Die Mannsbusse wurden von der Polizei eskortiert, trotzdem brauchten sie 47 Minuten für die zehn Kilometer vom Hotel ins Stadion. Die Ultras von Atalanta haben ihre Sektion geschlossen – sie wollen keine Schuld am nächsten Fiasko tragen. Die restlichen 16.000 Tickets gingen an Sponsoren und Schulschwestern. Die Stimmung wird trotzdem laut, weil die Kurve ein riesiges Azzurro-Mosaik aus 40.000 Pappstücken bauen wird – falls es jemand sieht.
Der Sieger fliegt morgen Früh entweder nach Cardiff oder nach Zenica. Die Niederlage bedeutet: Sommerurlaub statt Winter-Katar. Die Spieler wissen das. Sie haben ihre PlayStations mitgenommen, aber kein FIFA-Spiel gestartet. „Wenn wir verlieren, schmeiße ich die Konsole aus dem Fenster“, sagte ein Nationalspieler, der nicht genannt werden will. Die Flugbörse listet für morgen 14 Sondermaschinen – sieben für Wales, sieben für Bosnien. Noch ist alles offen, außer der Tatsache, dass Italien nicht mehr patzen darf.
Um 22.30 Uhr ist alles klar. Dann steht fest, ob die Azzurri am Dienstag noch einmal ran müssen – oder ob der Traum vom fünften Stern schon am Bergamoer Abend stirbt. Die Uhr tickt. Die Fans singen. Die Spieler schlucken. Und irgendwo in Mailand bereitet sich ein Flugzeug vor, das vielleicht nie startet.
