Italia kämpft um zenica – ohne totti, dafür mit 10.000 bosnischen stimmen im nacken

Einmal mehr hängt die Nation am seidenen Faden. Kein Totti, kein Del Piero auf der Bank, nur ein 19-jähriger Stürmer aus dem Jugendcamp und ein Keeper, der vor zwei Jahren noch in der C-Serie stand. Heute Abend muss Italien in Zenica gewinnen, sonst droht das EM-Aus – und die Erinnerung an jene fünf Fußball-Zeilen, die die Gazzetta dello Sport 1896 druckte.

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Die gute Nachricht: Es gibt keine. Die schlechte: Auch Bosnien schwimmt nicht im Talentpool. Dafür tobt in der Bilino Polje-Höhle ein 10.000-Mann-Chor, der jeden Pass in einen Bogen aus Pfeifen verwandelt. Gattuso, der mit Berlin 2006 noch das Olympiastadion zum Schweigen brachte, reist diesmal ohne Pirlo-Genie an – dafür mit Tonali, der lernen muss, was ein Regista ist, und Kean, der lernen muss, was ein Tor ist.

Die Logik des Fußballs ist gnadenlos. Wer 2006 noch Inzaghi und Del Piero auf die Reservebank setzen konnte, darf heute nicht jammern, wenn stattdessen ein Fabrizio Danese aus Mostar warnt: „Hier glauben alle fest an den Sieg.“ Danese ist Italiens einziger Legionär in der bosnischen Liga. Er kennt die Stimmung, er kennt die Kanonen, er kennt die Angst der Gäste.

Ein trikot, das einst die jahre des bleis wegwischte

Ein trikot, das einst die jahre des bleis wegwischte

1982 riss Spanien Italien aus den Bleijahren. Seitdem trägt das azurblaue Shirt Mythen, keine Schuld. Doch Mythen verblassen, wenn Locatelli lieber über Instagram-Follower als über Laufmeter spricht. Die neue Generation feiert WM-Quali-Paroli, weil Wales „nur“ 1:0 gewann – als wäre das ein Erfolg statt eine Blamage.

Die Wahrheit liegt im Stadiondach von Zenica. Dort flattert kein Totti-Pass mehr durch die Nacht, dafür ein Muharemovic, der sich als Beckenbauer-Reinkarnation inszeniert und vor zwei Jahren noch Juves U-23 deckte. Bosnien hat keinen König von ChampionsLeague-Finals, Bosnien hat Wut. Italien hat Juve-Reservisten, die plötzlich Startelf sein sollen.

Die Rechnung ist einfach: Gewinnt die Squadra Azzurra, lebt das alte Märchen weiter. Scheitert sie, folgt demnächst kein Spitzensport mehr, sondern ein Freundschaftskick gegen Liechtenstein – live auf Rai Sport, kommentiert von den Liceali von Udine, die 1896 das erste Fußballspiel der Gazzetta sahen.

Wer heute nicht an Zenica glaubt, glaubt morgen nicht mehr an Rom. Die 130 Jahre Gazzetta lehren: Nur fünf Meldungen reichten einst. Heute braucht Italien 90 Minuten Wahrheit – und einen Treffer, der nicht nur im Panini-Album steht, sondern im Gedächtnis einer ganzen Nation brennt.