Hoeneß zerpflückt real madrid: „die sind gar nicht so gut – aber tödlich erfahren“
Uli Hoeneß schaut nicht durch die rosarote Siegerbrille. Er schaut durch die Kornblume der Realität. Und was der Ehrenpräsident des FC Bayern da sieht, ist kein Spaziergang nach Madrid, sondern ein Spießrutenlauf. „Machbar, aber gefährlich“, lautet sein Urteil über den Champions-League-Gegner, den die Bayern seit 2014 vier Mal in Folge im K.o.-Duell nicht besiegen konnten.
Real madrids tarnanzug heißt routine
Die Formel, die Hoeneß aufstellen lässt, ist so schlicht wie brisant: „Die spielen gar nicht so gut Fußball, aber die sind überragend an Routine, die sind auf den Punkt fit.“ Er spricht in Frankfurt am Main, auf einer Podiumsdiskussion der Frankfurt School, und das Publikum spürt: Der 74-Jährige redet nicht locker, er redet lösungsorientiert. „Die können von ihrem Erfahrungsschatz leben“, sagt er und meint damit nicht die Show, sondern die Schliche. Die Schliche, die Real in den letzten zehn Jahren perfektioniert hat: dann eben nicht dominiert, aber eliminiert.
Hoeneß warnt trotz der aktuellen Bayern-Form, trotz neun Punkten Vorsprung in der Bundesliga, trotz Harry Kane, der im TV schon mal „Wir fürchten niemanden“ in die Kamera brüllt. „Es ist total vermessen, von einem Weiterkommen auszugehen“, sagt er und klingt dabei nicht wie ein Mann, der Angst verbreiten will, sondern wie einer, der Angst kennt. Er kennt die Momente, in denen Real Madrid selbst dann trifft, wenn der Ball nicht mal auf dem Fuß, sondern auf dem Papier schlechter aussieht.

Bayerns chance ist keine selbstverständlichkeit
Doch dann kommt der Satz, der die Bayern-Fans hoffen lässt. „Aber wir haben lange nicht so große Chancen gehabt vom spielerischen Niveau wie in diesem Jahr.“ Das ist kein Schwenk in den Optimismus, das ist eine Feststellung nach 30 Spielen mit 81 Toren und 19 Gegentoren. Das ist die Erkenntnis, dass dieses Bayern-Spiel nicht mehr nur von der Breite der Bank, sondern von der Tiefe des Spiels lebt.
Hoeneß billigt der Mannschaft die Triple-Chance zu, aber er verweigert den Drei-Titel-Koller. „Das ist zu optimistisch“, sagt er und verweist auf das Pokal-Halbfinale bei Bayer Leverkusen im April. „Das wird schwer.“ Er sagt es so, als wäre Leverkusen der hässere Brocken als Madrid. Vielleicht ist es das auch. Vielleicht ist es die Erfahrung, dass eine Saison nicht an den großen Namen, sondern an den kleinen Details scheitert.
Am 7. und 8. April geht’s los, Hinspiel in der Arena, Rückspiel eine Woche später im Bernabéu. Wenn Hoeneß eines lehrt, dann dieses: Wer Real Madrid unterschätzt, der unterschreibt selbst seine eigene Entlassungsurkunde. Die Chance ist da, größer als seit Jahren. Aber die Chance ist kein Versprechen. Sie ist ein Schnitt, der bluten kann.
