Hertha zerstört nürnberg, nicht die zweifel

2:1 – die Zahl lügt, die Leistung nicht. Hertha BSC hat den 1. FC Nürnberg geschlagen und kassiert trotzdem den nächsten Seitenhieb. Was gestern im Olympiastadion passierte, war ein Sieg ohne Bewerbung, ein Erfolg ohne Entlastung.

Der kroate jubelt, das stadion zuckt nur kurz zusammen

Josip Brekalo schoss zweimal, einmal rechts, einmal links, und verschaffte sich 90 Minuten lang das Gefühl, alles richtig zu machen. Doch selbst seine Doppelpack kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Berlin ernsthafte Reaktion auf das 2:5-Debakel in Paderborn vermisst ließ. Die Mannschaft wirkte wie ein Schiff, das zufällig Wind von vorne bekam, ohne jemals das Steuer umzulegen.

Stefan Leitl rotierte auf fünf Positionen, stellte Dawid Kownacki und Jeremy Dudziak auf, nahm Fabian Reese nach 63 Minuten runter – und erntete dafür ein halbherziges Nicken der Ostkurve. Die Fans wollten keine Personaldebatte, sie wollten Biss. Stattdessen sahen sie ein 0:1 zur Pause, das nur durch Brekalos individuelle Klasse wettgemacht wurde.

Statistik lügt nicht: 0,11 xg-differenz ist ein armutszeugnis

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Die erwarteten Tore: Hertha 1,06 – Nürnberg 0,95. So knapp war das Spiel, so eng die Latte, auf der Berlin balanciert. Die zweite Hälfte verflachte zur Fußnote, weil kein Mittelfeld den Ball länger als drei Stationen sauber transportierte. Nürnberg kam durch Christopher Schindler zum Ausgleich, danach passierte fast nichts – bis Brekalo in der 78. Minute erneut zuschlug.

Leitl sprach hinterher von „energetisch top“, aber das klang nach einem Coach, der sich selbst überzeugen will. Die Wahrheit liegt in den Passstafetten, die ständig abprallten, in den Laufwegen, die sich zufällig kreuzten, und in der zweiten Halbzeit, die keine einzige klare Torchance jenseits der Tore produzierte.

Pascal klemens sitzt zu hause – und wird trotzdem laut

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Der Vertrag des Mittelfeldstrategen läuft aus, die Verhandlungen stocken seit Monaten. Gegen Nürnberg fehlte er komplett im Kader, ein Statement des Trainers. Doch auf den Rängen flüsterte man: Wer soll den Ball eigentlich verteilen, wenn der einzige Spieler mit hohem Tempogegenpressing nicht mal auf der Bank sitzt? Selim Telib ist talentiert, aber noch keine Antwort auf diese Frage.

Das Problem ist größer als ein einzelner Spieler. Hertha besitzt keine Automatismen, keine klare Spielidee jenseits von Brekalos Dribbling. Die Berliner laufen viel, aber selten mit Ziel. Die Defensive wirkt stabil, solange der Gegner nicht dribbelt – und genau das tat Nürnberg zu selten, um Berlin zu blamieren.

Zehn spiele bis zur entscheidung – und keine zeit mehr für kosmetische siege

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Der Abstand zum Aufstiegsrang betrachtet die Liga nur noch aus akademischem Interesse. Hertha muss sich selbst beweisen, will sie nicht als verwalteter Traditionsclub in der 2. Bundesliga versauern. Die restliche Saison ist ein offenes Bewerbungsgespräch – für Leitl, für Sportchef Peter Görlich, für jeden einzelnen Spieler, der glaubt, Bundesligatauglichkeit besitzen zu können.

Die Fans werden sich an diesem Sonntag erinnern: an Brekalos Jubel, an die drei Punkte, aber auch an die 90 Minuten, in denen das Stadion selten wirklich bebte. Ohne spürbare Steigerung bleibt der Sieg nur ein Trostpflaster auf tiefer Wunde. Und wenn die Mannschaft nicht bald liefert, wird das Olympiastadion nächste Saison halbleer sein – egal, wie viele Tore Brekalo erzielt.