Hediger fehlt vor topspiel – bernegger muss zürich aus dem schlamassel ziehen
Der FC Zürich spielt am Samstag gegen Sion – und der Mann, der die Kurve sollte, sitzt zwischen Mittwoch und Freitag auf einer Plastikstuhl-Reihe in Nyon. Dennis Hediger absolviert seine UEFA-Pro-Lizenz, während seine Mannschaft das wichtigste Abschlusstraining des Jahres ohne ihn bestreitet.

Carlos bernegger steht zum ersten mal allein im rampenlicht
Der Assistenztrainer ist kein Neuling, aber er ist neu. Erst im Winter kam der 54-Jährige an die Letzigrund-Absteckbank, um Ruhe zu bringen. Stattdessen herrscht seit Wochen Taifun. Elf Punkte aus den letzten zehn Partien. Die Defensive wie ein Sieb, der Angriff ohne Idee. Wer schießt, trifft – nur nicht die eigenen Stürmer. Jetzt darf Bernegger die Marschroute für das Seilakt-Duell gegen den Tabellennachbarn skizzieren, während Hediger in der Theorie lernt, wie man Spiele gewinnt.
Die Statistik ist ein Hohn: Seit der Winter-Transfusion wurden sieben neue Leistungsträger verpflichtet, doch die erhoffte Impulsantwort bleibt aus. Mehr als die Hälfte der Startformation trägt noch die Preisschilder am Trikot. Ein Team, das sich auf dem Papier besser kennt als jede WhatsApp-Gruppe, wirkt auf dem Platz wie eine Zufallsbegegnung. Und während die sportliche Leitung intern von „Prozess“ spricht, wird extern laut über „Poker“ gemurmelt.
Hediger spürt den Wind. Auf der Pressekonferenz vor seiner Abreise betonte er, „großes Vertrauen“ zu verspüren. Dann der Satz, der alles andere als Zufall war: „Klar, es ist am Ende aber auch immer ein Resultat-Business.“ Kein Trainer redet über Ergebnisse, wenn er sich sicher fühlt. Es klang nach einer Warnung an die eigene Geschäftsführung – und nach einem Befreiungsschlag für den Fall, dass der FC Sion die Letzigrund-Krise am Samstag weiter vertieft.
Die Frage ist nicht, ob Bernegger die Befehlskette behält. Die Frage ist, ob die Spieler ihm zuhören, wenn der Chef fehlt. In der Kabine kursiert ein halbwegs schlechter Witz: „Wenn der Trainer fehlt, gewinnen wir – weil dann niemand mehr erklärt, wie schwer alles ist.“ Fakt ist: Ohne Hediger wurde in dieser Saison noch nicht gespielt. Die Nullfrequenz ist also ein Blindflug.
Die Uhr tickt. Sion ist kein Gegner, sondern ein Spiegel. Auch die Walliser taumeln, haben aber mit Diogo Monteiro einen Innenverteidiger entdeckt, der trifft, was er anläuft. Beim FCZ dagegen schossen die letzten beiden Siege in der Liga gegen Luzern und St. Gallen – beide Male mit spätem Glück, nie mit Kontrolle. Wenn Bernegger jetzt eine neue Marschrichtung erfindet, muss sie bis Samstagabend sitzen. Sonst wird nicht nur Hedigers Lehrgang in Nyon zur Nebensache, sondern auch dessen Arbeitsvertrag.
Letzte Szene vor der Abreise: Hediger verlässt das Trainingsgelände, Rucksack schwer mit Skripten. Ein Fan ruft: „Bring uns drei Punkte mit!“ Der Trainer lacht – aber nicht lang. Er weiß: Bücher gewinnen keine Spiele. Tore tun es. Und die muss jetzt jemand schießen, der ihn nicht einmal beim Training sieht.
