Godon verpasst königsetappe und trifft trotzdem – sprint im schneeregen
Die Königsetappe von Paris–Nizza war tot, bevor sie geboren wurde. Statt 170 Kilometern und 2.000 Höhenmetern in den Alpen-Maritimes gab es 43,5 flache Kilometer im Schneeregen und eine 40-Mann-Gruppe, die wie ein Feldrennen durch Isola jagte. Dorian Godon war der Schnellste – und das reichte, um Frankreich den ersten Etappensieg in diesem Jahr zu bescheren.
Die wetterkatastrophe als schicksal
Um 9:14 Uhr stand die Jury erstmals am Straßenrand. Schneefall auf dem Col de la Lombarde, Eis auf der Abfahrt Richtung Auron. Die ursprüngliche Strecke war schon am Vorabend gestrichen worden, doch selbst die Not-Route nach Isola drohte zur Eisfalle zu werden. Zweimal wurde die Strecke gekürzt, zweimal die Startzone verlegt. Ergebnis: ein Mini-Rennen bei 4 °C und Sichtweiten, die an Londoner Nebel erinnerten.
Ineos ließ nichts dem Zufall. Das Team stellte ab Kilometer 10 das Tempo, schickte Salvatore Puccio in die erste Verfluchungswelle, dann Omar Fraile, bis nur noch ein zitterndes Feld übrig war. Godon musste nur noch die letzte 200-Meter-Rakete zünden – und traf vor Biniam Girmay und Cees Bol. „Ich habe noch nie eine Bergetappe gewonnen“, sagte er mit feuchtem Lachen, „heute war auch keine, aber es fühlt sich trotzdem wie ein Gebirgssieg an.“

Vingegaard behält gelb – und die moral
Jonas Vingegaard ließ sich nichts anmerken. Der Däne rollte mit durchschnittlich 52 km/h über die feuchte Landesstraße, verlor keine Sekunde und behält das Gelbe Trikot mit 45 Sekunden Vorsprung auf Matteo Jorgenson. „Es war gefährlich, kalt und kurz“, sagte er. „Aber kurz bedeutet auch: wenig Zeit, um Fehler zu machen.“
Die echten Berge kommen noch. Morgen geht’s nach dem Kurswechsel nach Châteauneuf-du-Pape, wo die Rhône die Weinberge wärmt und die Sonne vielleicht endlich wieder das Rennen bestimmt. Godon jedenfalls hat seinen Etappensieg – und die Gewissheit, dass man in der Neuzeit des Radsports auch dann gewinnen kann, wenn die Königsetappe sich in eine Sprintchance verwandelt. „Regenjacke statt Trikot? Egal. Die Uhr zählt nur, wer zuerst durchs Band fährt.“
