Giacomel nach herz-op zurück: „ich greife 2027 an“
Tommaso Giacomel sitzt am Rande der Loipe in Antholz, atmet tief durch und lächelt. 36 Tage nach dem Kollaps im Olympiamassenstart sagt der Italiener: „Ich bin wieder bereit.“ Die Herzrhythmusstörung, die ihn mitten im Rennen lahmlegte, wirkt wie ein Fremdkörper in seiner Erinnerung. „Es war ein Blitz aus heiterem Himmel – kein Warnsignal, kein Zittern, nichts.“
Der körper sagt ja, der arzt sagte nein
In Mailand wurde ihm ein Katheter eingeführt, der elektrische Irrläufer im Herzboden abgekocht. Drei Tage später durfte er das Krankenhaus verlassen, doch die Saison war gelaufen. „Anfangs war ich unkontrollierbar wütend“, gibt er zu. „Dann habe ich verstanden: Es hätte schlimmer ausgehen können.“ Die Konsequenz: Kein Start in Otepää, kein Saisonfinale in Oslo. Stattdessen saß der 25-Jährige auf der Tribüne, nippte an einem Kaffee und studierte die Gegner, die er sonntags normalerweise einholt.
Sein Training startet früher als je zuvor. „Noch nie war ich länger als eine Woche ohne Sport“, sagt er und deutet auf die Ski, die neben seinem Auto liegen. Seit 20 Tagen radelt er, seit zehn Tagen steht er wieder auf Brettern. „Körperlich fühlt sich alles wie vorher an. Die Frage ist nur: Wie reagiert das Herz auf 180 Schläge pro Minute, wenn ich in der Loipe 15 Kilometer lang eine 170er Herzfahre?“

Kristallkugel statt krisenmodus
Vor Antholz lag Giacomel in der Gesamtwertung nur 19 Punkte hinter Éric Perrot. Die große Kugel war greifbar. „Ich hatte kleine Zweifel, ob ich 2026 schon bereit bin. Dann habe ich gezeigt: Ich bin bereit.“ Dieses Selbstvertrauen will er ins nächste Jahr mitnehmen. „2027 greife ich wieder an. Die Träume sind nur aufgeschoben, nicht aufgegeben.“
Seine Familie half ihm, die Wut in Motivation umzumünzen. „Meine Eltern sagten: ‚Lieber ein gesunder Sohn ohne Kugel als ein kranker Champion.‘“ Die Worte nageln sich in sein Hirn. Sein Plan: Vier Wochen Rad, dann Rollski, ab Juni Schnee in Neuseeland. „Ich werde die längste Vorbereitung meiner Karriere absolvieren – und die erste, in der ich nicht nur an Siege, sondern an Pulsschwankungen denke.“
Die Biathlon-Welt schaut nach Südtirol. Giacomels Comeback könnte die Dominanz der Norweer erschüttern. Kein Athlet verliert gern, aber kaum einer kennt den Geschmack der Niederlage so gut wie jemand, der am eigenen Herzen spürte, wie schnell alles vorbei sein kann. Seine Botschaft ist keine Kampfansage im klassischen Sinn – sie ist eine Verabredung mit dem eigenen Körper. „Wenn das Herz 2027 durchhält, holt der Kopf den Rest.“
