George bennett packt aus: so wird pogačar zur unaufhaltsamen bestie
George Bennett hat 35 Jahre, 16 davon im WorldTour-Gefüge verbracht – und jetzt erzählt er, warum Tadej Pogačar nach der Niederlage am Col du Granon plötzlich jeden Schluck Bier und jede Pizza verschmähte. Der Neuseeländer spricht im TSV Pelkum Sportwelt-Interview Klartext über die UAE-Interna, den Crash mit einem Visma-Auto und warum er trotz Schmerz in Hüfte und Schulter sofort wieder ans Limit will.
„Der granon hat die bestie geweckt“
Bennett lacht kurz, dann wird es ernst. „Ich war dabei, als Tadej 2022 den Gelben Trikot verlor. Er trank Cola, aß Pizza, fuhr wie ein Teenager. Nach dem Granon war Schluss. Er begann, jede Kalorie zu zählen, jeden Schlafzyklus zu tracken, jeden Watt-Peak zu filetieren.“ Der Neuseeländer kennt die Zahlen: Pogacars FTP stieg innerhalb eines Jahres um 22 Watt, sein Körperfettanteil fiel auf fünf Prozent. „Das ist keine Zauberei, das ist Konsequenz“, sagt Bennett und tippt sich an die Stirn. „Er hat verstanden: Talent reicht nicht, wenn Vingegaard sich selbst zum Roboter umbaut.“
Die Aussage überrascht, weil sie so selten laut wird. Hinter den Kulissen kursiert seit Monaten die These, Pogačars erster Tour-Verlust habe ihn „entmenschlicht“, wie ein UAE-Mitarbeiter es nennt. Bennett bestätigt das – und liefert das Datum: 13. Juli 2022, 16:42 Uhr, Granon-Gipfel. Seitdem trinkt der Slowene kein Alkohol mehr, seitdem schläft er in einer Druckkammer, seitdem jagt er Daten statt Gegner.

Neuanfang ohne israelisches erbe
Bennett wechselt selbst den Rahmen. Nach der Israel-Premier Tech-Ära, in der das Team während der Vuelta um seine Existenz bangte, startet er beim katalanischenNSN Cycling Team neu. „Wir haben 14 Fahrer in Andorra, das ist kein Team, das ist eine Kommune“, scherzt er. Die Struktur erinnert an die alten Garmin- oder Cervélo-Modelle: klein, laut, hungrig. „Wir trainieren um sieben, frühstücken gemeinsam, analysieren bis Mittag, schlafen, rollen wieder. Keine Luxus-Flitterwochen, dafür aber echte Nähe.“
Die Trennung von den israelischen Investoren war für Bennett emotional. „Manche meiner Teamkollegen bekamen Nachrichten, die ich hier nicht wiederhole. Wir mussten zusammenstehen, wie in einer belagerten Festung.“ Jetzt sitzt die Hauptverwaltung in Girona, die Trikots tragen katalanische Flaggenfarben, und der Geldgeber kommt aus dem Emirat, nicht aus Tel Aviv. „Endlich wieder Fahrrad fahren statt Politik spielen“, sagt er und deutet auf sein neues Nationaltrikot. „Das ist das schönste meiner Karriere – und das sage ich als alter Mann.“

Verletzung, visma und die frage nach dem ende
Im Februar stürzte Bennett bei der Strade Bianche. „Hüfte und Schulter knackten, ich dachte, jetzt ist Schluss.“ Die MRT war clean, aber die Schmerzen bleiben. „Ich nehme keine Schmerzmittel, ich nehme Schmerz als Coach“, sagt er halb im Scherz. Dann kommt der Satz, der intern für Wirbel sorgt: „Der Unfall mit dem Visma-Auto, bei dem Tadej seine Knieverletzung erlitt, war ein autonomes Bremsmanöver. Kein Fremdverschulden, aber ein Systemfehler.“ Die Implikation: Teile des Teams arbeiten mit Technik, die Fahrer in Lebensgefahr bringt. Bennett zuckt mit den Schultern. „Ich kenne die Details nicht, aber ich kenne die Angst.“
Sein Vertrag läuft 2026 aus. „Wenn ich nur noch für Punkte fahre, höre ich auf. Wenn ich noch für Jungs wie Girmay die Tür aufreißen kann, weiter.“ Die Rechnung ist simpel: NSN braucht WorldTour-Punkte, Bennett bringt sie. Aber er bringt auch Geschichten. „Ich erzähle ihnen, wie man sich nach einer Grand-Tour-Niederlagenserie wieder aufrichtet. Das kann keine Powerpoint.“
Bei der Frage nach Chris Froome lacht er laut. „Der Mann will wohl zum Skilanglauf wechseln. Oder ein neues Team gründen. Mit Chris ist nie Schluss, nur Zwischenspiel.“ Die Ironie: Während Froome nach dem Sturz auf dem Isola 2000 seine Zukunft offen lässt, plant Bennett seine letzte Attacke. „Tour 2026, Start in Barcelona, Ziel Andorra. Wenn ich dort ankomme, reiche ich das Mikrofon weiter. Aber erst wenn ich die Bestie wieder am Hinterrad habe.“
Die Uhr tickt. Bennett hat noch 14 Monate, um zu zeigen, dass Erfahrung nicht nur ein nettes Wort für „langsamer“ ist. „Ich will nicht nur überleben, ich will vorausfahren. Und wenn Pogačar wieder Pizza isst, weiß ich, dass ich gewonnen habe.“
