Gensheimer bricht sein schweigen: „der stachel sitzt tief“

Uwe Gensheimer redet. Zum ersten Mal seit seiner Demontage als Sportchef der Rhein-Neckar Löwen packt der Ex-Nationalspieler aus. „Der Stachel sitzt nach wie vor tief“, sagt er im Gespräch mit dem Mannheimer Morgen. Die Klubspitze hatte ihn im April nach nur zwölf Monaten Amtszeit abgelöst – ein Schnitt, der wehtut.

„Persönliche niederlage“: gensheimer nimmt sich selbst aufs korn

Der 39-Jährige spricht offen über sein Scheitern. „Es fühlt sich ein bisschen wie eine persönliche Niederlage an, weil wir es nicht geschafft haben, das Ding gemeinsam durchzuziehen.“ Keine Ausflüchte, keine Schuldzuweisungen – nur der nüchterne Blick zurück. Dabei hatte der Linksaußen nach seiner aktiven Karriere 2024 sofort Vollgas gegeben. Keine Übergangszeit, kein Einlaufen. Vom Hallenboden direkt ins Büro. Ein Sprung, der ihm offenbar Kopf und Herzen gekostet hat.

Gensheimer zeigt Einsicht: „Ich habe mit Sicherheit nicht alles richtig gemacht.“ Kritikpunkt Nummer eins: Kommunikation. Der Aufsichtsrat sei zu selten mitgenommen worden, interne Differenzen zu spät adressiert. „Das hätte ich besser machen können und daraus habe ich gelernt“, gibt er zu. Ein Satz, der so selten ist wie ein Siebenmeter zum Sieg in der Schlusssekunde.

Neue rolle: scout statt strippenzieher

Neue rolle: scout statt strippenzieher

Statt ihn gehen zu lassen, baut der Klub Gensheimer nun als Netzwerker auf. Künftig soll er ein europaweites Scouting-System etablieren, Kontakte zur IHF, EHF und zum Forum Club Handball pflegen. „Zuerst einmal gehören viele Themen dazu, die zuvor schon bei mir auf dem Tisch lagen“, sagt er. Doch die neue Aufgabe klingt nach Teilzeit statt Chefsessel. Ob das reicht, um eine Ikone wie ihn zu binden?

„Jetzt definieren wir erstmal meine Rolle“, betont Gensheimer. Ein Prozess ohne Garantie. Er schließt nicht aus, dass er sich irgendwann woanders sieht. „Momentan ist es nicht so, dass ich morgen zwingend bei einem anderen Verein stehe.“ Aber das klingt nicht wie ein Nein.

Die löwen ziehen bilanz – gensheimer zieht weitere kreise

Die löwen ziehen bilanz – gensheimer zieht weitere kreise

Geschäftsführer Holger Bachert kommentiert die Trennung diplomatisch: „Nicht jede Konstellation funktioniert so, wie man es sich vorstellt.“ Für Fans klingt das nach Abnutzungserscheinung auf höchstem Niveau. Dabei hatte Gensheimer gerade den Umbruch eingeleitet, junge Talente ins Visier genommen, langfristige Strategien entworfen. „Dass es bei einer sportlichen Strategie unterschiedliche Standpunkte gibt, ist völlig normal“, sagt er. Fast klingt es wie ein Plädoyer für mehr Mut zur Debatte statt Einheitsbrei.

Die nächsten Monate entscheiden, ob der Rekordtorschütze der Nationalmannschaft sein Netzwerk als Sprungbrett nutzt oder ob die Löwen doch noch eine echte Heimkehr ermöglichen. Bis dahin bleibt der Stachel – und ein Mann, der gelernt hat, dass Erfolg nicht nur auf dem Feld gemessen wird.