Gaugisch jagt doppelbelastung: bundestrainer coacht jetzt auch männer-zweitligisten

Markus Gaugisch schreibt sich einen Nebenjob auf die Trainingsjacke. Der Bundestrainer der deutschen Handball-Frauen wird künftig beim Zweitligisten HBW Balingen-Weilstetten als Individualcoach durchstarten – und das, obwohl sein Verbandsposten bis 2028 sicher ist.

Der silber-coach packt noch einen job drauf

Die Nachricht kommt ohne Tamtam, aber mit Signalwirkung. Nach der WM-Medaille vor eigenem Publikum zieht der 51-Jährige nun an zweiter Front. In Balingen soll er Perspektivspieler aus Nachwuchs und Profikader einzeln coachen, Filmstunden geben, Feedback verteilen – und dabei genau die Methodik nutzen, mit der er Alina Grijseels & Co. auf Weltniveau gebracht hat.

Kein Nebeneinander aus Zufall. Geschäftsführer Axel Kromer und Gaugisch kennen sich aus gemeinsamen DHB-Zeiten, als Kromer Sportvorstand war und den Coach 2022 ins Amt hob. „Unser Nachwuchs ist unsere HBW-Zukunft“, sagt Kromer – und meint damit auch: Wir holen uns den Bundestrainer, weil wir können.

Der dhb reagiert mit schweigen statt einspruch

Verbandschef André Wolf ließ durchblicken, man habe „Vertrauen in Markus‘ Zeitmanagement“. Heißt: Die Frauen-Nationalmannschaft bleibt Priorität, alles andere ist Freizeit. Eine Formulierung, die bei Konkurrenten für Stirnrunzeln sorgt. Denn wer zweimal die Woche in der Halle steht, kennt keine 40-Stunden-Woche.

Gaugisch selbst wirkt gelassen. „Den eingeschliffenen Workflow werde ich nun auch in Balingen anwenden“, sagt er – und klingt dabei wie ein Programmierer, der seinen Code einfach kopiert. Die Frage ist nur: Hält der Server unter doppelter Last?

Die Antwort liefert schon der Kalender. In zwölf Monaten steht die Europameisterschaft der Frauen an, in 18 Monaten die Olympischen Spiele. Zwischen den Länderspielfenstern plant Gaugisch seine Reise nach Baden-Württemberg. Eine Strecke von 280 Kilometern, die bei Stau schnell zu einer mentalen Dauerbelastung wird.

Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Seit Gaugisch die Nationalmannschaft übernahm, stieg deren Torwurfquote von 56 auf 62 Prozent. Bei Balingen will man ähnliche Sprünge – und zwar sofort. Der Verein liegt aktuell auf dem siebten Tabellenplatz, der Abstand zum Aufstiegsrang beträgt vier Punkte. Genug Luft, um zu träumen, genug Druck, um zu scheitern.

Am Ende bleibt ein Fakt: Wer als Bundestrainer noch einen Clubjob anhängt, setzt sich selbst unter Strom. Gaugisch scheint das zu wissen – und macht es trotzdem. Die Silbermedaille war erst der Anfang, sein nächstes Kapitel beginnt in einer Zweitligahalle, in der künftig Nationaltrainerstimmen durchs Parkett hallen. Wenn das Experiment glückt, könnte es Schule machen. Wenn nicht, steht schnell die Frage im Raum, ob man den Goldanspruch der Frauen mit einem Nebenjob verzockt hat.