Froome kassiert den nächsten schicksalsschlag – doch er findet sich ab

Chris Froome prallt erneut gegen eine Wand, diesmal metaphorisch. Nach dem Trainings-Crash im vergangenen August – fünf Rippen, Lungenkollaps, Lendenwirbelbruch – verlässt der 39-Jährige das Krankenbett und steigt direkt ins Managerbüro. Seine Entschebung: Karriereende? Noch nicht. Stattdessen Innovationschef bei Vekta, einer Start-up-Plattform für Ausdauersport-Daten.

Die sekunde, die alles zerbrach

12. Juni 2019, Dauphiné-Rekognoszierung. 54 Stundenkilometer, dann Windstoß, Vorderrad weg, Hausmauer. Dave Brailsford schaut auf die Power-Datei: Geschwindigkeit auf Null. „Wir haben einen Menschen gesehen, der in Luft zerfällt“, sagt er im Nachhinein. Fraktur des Oberschenkels, Ellenbogen, Brustbein, Rippen – ein Körper wie ein Scherbenhaufen. Drei Wochen später ruft Michelle Froome das Krankenhaus ihr zweites Zuhause. Ihr Kommentar: „Er darf nur noch atmen, das ist schon Gewinn.“

Die Folge: Kein Grand-Tour-Sieg mehr, keine Sky-Monstereinsätze, keine Spur von dem Mann, der 2013 bis 2018 jeden Berg in eine persönliche Sandkiste verwandelte. Statistiker sprechen von 47 Prozent Leistungsverlust auf Steigungen über zehn Prozent – eine Zahl, die selbst Hobbyfahrer erschaudern lässt.

Statt padua-protocol jetzt pixel und prognosen

Statt padua-protocol jetzt pixel und prognosen

Vekta-Chef Tim Chetwood lacht nicht, als er Froomes Titel auf der Visitenkarte liest: Director of Innovation. „Er bringt das mit, was kein Ingenieur programmieren kann – Schmerz als Datenpunkt.“ Froome selbst erklärt die neue Stelle mit knappen Worten: „Ich kenne das Loch zwischen Trainingstheorie und Realität. Ich bin reingefallen, jetzt baue eine Brücke.“

Sein Job: Algorithmen füttern mit Biopsie-Werten, Herzfrequenz-Drift, Cortisol-Kurven. Ziel ist ein Tool, das vorhersagt, wann ein Athlet am Limit kratzt – bevor er es selber merkt. Beta-Tester sind bereits Teams aus Triathlon, Rad-WeltTour und Premier-League-Klubs. Wer genau, darf Vekta nicht sagen. Froome lacht nur: „Wer langsamer wird, zahlt mehr – das ist mein kleiner Racheengel.“

Enthüllung: gespräche mit einem neuen rennstall laufen

Enthüllung: gespräche mit einem neuen rennstall laufen

George Bennett, 2024 noch Froome’s Helfer bei Israel-Premier Tech, plaudert im Hotel-Flur von Sitges: „Es gibt Gespräche, aber nicht mit uns.“ Ein zweites Team – Name geheim – bietet Froome 2026 einen Beraterposten mit Startrecht bei der Tour de France. Kein Fahrvertrag, dafür VIP-Kennung, Zugang zur ASO-Loge, Startgeld für Kritérien. Bennett zuckt die Schultern: „Chris ohne Startnummer? Stell dir Lionel Messi als Balljunge vor.“

Die ASO bestätigt auf Anfrage lediglich, dass man „offen für innovative Botschafter“ sei. Im Klartext: Froome dürfte die Tour eröffnen, nicht befahren. Marketing statt Maglia rosa.

Was bleibt, ist ein körper voller titan

Röntgenbilder seiner Wirbelsäule erinnern an ein Einkaufswagen-Gitter: sieben Schrauben, zwei Titanstangen. Froome scherzt beim Fototermin: „Ich bin mein eigenes Bike-Upgrade.“ Doch hinter dem Witz steckt ein Plan. Er will 2026 ein Gravel-Event in Kenia ausrichten, Startgeld fließt in Fahrrad-Programme für Straßenkinder. „Ich bin nicht zurück, ich bin woanders“, sagt er und meint es ernst.

Die Uhr tickt. Laut Ärzten dauert es 18 Monate, bis sich seine Lunge vollständig entfaltet. Bis dahin sitzt er vor Monitoren, liest Pulskurven wie einst Steigungsprofile. Wenn die Daten einmal grün statt rot anzeigen, will er wieder auf die Straße – vielleicht nicht als Fahrer, aber als Störer. „Ich habe noch ein paar Abschiedsrunden in den Beinen“, sagt er. Und die Straße wird ihm glauben, weil Chris Froome schon einmal bewiesen hat: Selbst eine Wand kann man überwinden, wenn man sie nur hart genug ansieht.