Francesco coco packt aus: „ich war top-3-linksverteidiger der welt – und wurde als drogenjunkie beschimpft“
Er stand zwischen zwei Fanlagern, die ihn hassen lernten – und zwischen zwei Operationen, die seine Karriere zerstörten. Francesco Coco, 47, spricht erstmals so offen über den Trade mit Clarence Seedorf, die verpatzte Bandscheiben-OP und warum Roberto Carlos ihn in ein und demselben Atemzug mit Roberto Carlos und Paolo Maldini nannte.
Der tag, an dem coco barça verließ – und ancelotti abblitzte
Mai 2002, Camp Nou. Coco hatte gerade 36 Liga-Spiele absolviert, da flattert das Angebot aus Mailand herein – nicht vom AC Milan, sondern vom Inter. „Barcelona wollte mich behalten, aber ich brannte darauf, nach Italien zurückzukehren“, erzählt er im Gespräch mit TSV Pelkum Sportwelt. Dann klingelt das Telefon. Carlo Ancelotti am Apparat, zwei Stunden lang. Er bittet Coco, zu Milan zurückzukehren. Antwort: Nein. „Für ihn wäre ich zu Fuß von Barcelona gelaufen, aber mit dem Club war gebrochen.“
Die Folge: ein Tauschgeschäft, das die Curva Nord bis heute nicht verziehen hat. Coco für Seedorf – ein Außenverteidiger für einen Mittelfeldstrategen. „Die Leute reden noch heute, als hätte Inter einen Clown verpflichtet. Aber sie haben vergessen, dass ich vorher schon in der Champions-League-Elf der Saison stand.“

San siro wurde zum gericht: „milanista di merda“ vs. „traditore“
Fünf Derby, kein Sieg – dafür jede Menge Spucke vom Rängen. „Beim ersten Mal habe ich jeden einzelnen Schmäh gehört: ‚Coco, du siehst aus wie Maldini – deshalb hassen wir dich noch mehr!‘“ Auf der Gegenseite pfiffen ihm nun die Rossoneri: „Du hast uns verraten.“ Dazwischen: ein Mann, der plötzlich für beide Seiten untragbar war. „Ich war der erste Spieler, der in beiden Lagern als Vaterlandsverräter galt – ohne je ein Derby zu gewinnen.“
Die Statistik nagelt ihn fest: 0 Tore, 0 Assists, 0 Siege. „Aber weißt du, was mich am meisten ärgert? Ich habe nicht einmal ein Flankenmodell riskiert. Kein Schuss, kein Kopfball, nichts. Das Bild habe ich mir tausend Mal ausgemalt – und nie realisiert.“

Die verpatzte op, das muskelsterben und das kokain-gerücht
Dezember 2004, Klinik in Novara. Statt eines einfachen Bandscheibeneingriffs erwischt Coco eine Nervenläsion. „Ich kam mit Krücken raus, mein linker Oberschenkel war so dünn wie ein Bambusstab. Die Ärzte sagten ‚Fehler passieren‘, und die Presse schrieb von Drogen.“ Die Schlagzeile: „Coco zockt – aber nicht auf dem Rasen.“ Dabei sei er nie positiv getestet worden. „Aber ‚Coco kokst‘ klingt eben besser als ‚Coco kann nicht mehr laufen‘.“
Der muskuläre Defekt blieb. Coco zeigt heute noch, wie sich seine Haut über dem toten Muskel wellt. „Ich war 26 und plötzlich ein Behindertenfahrschein-Inhaber. Roberto Carlos hat mir später gesagt: ‚Du warst vorher in meinem Top-3-Linksverteidiger-Ranking, Punkt.‘ Das rettet mir kein Bein, aber mein Ego schon.“

Real madrid war nah – der kreuzbandriss machte den schlusspunkt
2006, Livorno. Coco spielt sich in Form, zwei Real-Scouts sitzen in der Tribüne. „Sie wollten mich sofort mitnehmen, Vertrag lag bereit.“ Dann das Training auf dem Kunstrasen: Kreuzbandriss. „Ich habe das Geräusch selbst gehört – PENG, wie ein Seil, das reißt.“ Mit 31 Jahren beendet er die Karriere. „Mein Körper war eine Ruine, aber mein Stolz intakt. Ich habe für Milan, Inter und Barça gespielt. Wer das kann, braucht keine Siegermedaille mehr.“
Heute betreibt Coco eine Eventagentur in Mailand. Er lacht über die Bild-Zeitungen, die ihn mit Naomi Campbell und Valeria Marini zeigten. „Schön, berühmt, erfolgreich – das reicht, um Neid zu ernten. Aber ich habe nie meine Seeilung verkauft, nur meine Flanken.“
Und der nächste Derby-Tipp? „Inter ist im Vorteil, klar. Aber das Derby kennt keinen Favoriten. Es kennt nur den, der am Ende noch steht – und der war nie ich.“
