Forster schlägt seco um fünf hundertstel – gold in cortina mit herzrasen-finish
Ein Zwitschern von Sekundenzeiger, mehr nicht. 0,05 Sekunden trennten Anna-Lena Forster von ihrer bislang größten Paralympics-Explosion, und als die grüne Zeit am Tafen aufblitzte, sackte sie in den Schnee, als hätte jemand die Luft aus der Südtiroler Piste gelassen. Die 30-Jährige aus Radolfzell verwandelt die Abfahrt der sitzenden Klasse in ein Psychoduell mit Audrey Pascual Seco – und krönt sich erstmals zur Königin der Speed-Disziplin.
Die sekunden, die forsters leben kippen
1:25,79 Minuten stand auf der Uhr, als Forster durchs Ziel raste. Seko, startnummerbedingt direkt vor ihr, hatte 1:25,84 geschafft. Ein Atemzug, der zwischen beiden Frauen die alte Ordnung der Technik-Spezialistin Forster und die neue der Speed-Killerin aufriss. „Ich habe nur meine Linie gefahren, nicht auf die Uhr geschaut“, sagte sie später, während ihre Stimme zitterte – nicht vor Kälte, sondern vor dem Realisieren, dass Cortina ihre bisher vier Slalom-Goldstücke um ein fünftes, anderes Juwel erweitert.
Das Rennen selbst war ein Dreiakter: Start, wo Forster aggressiv in die Traverse einstieg; Mittelstück, wo ein leichter Seitenschlag ihre Linse beschlagen ließ; und der Finaleinschlag, wo sie die Kanten so spitz nahm, dass die Schneekristalle wie Funken flogen. Seco konterte mit einer fast gespenstisch sauberen Linie, verlor aber im letzten Flachstück zwei Zehntel – genug, um Silber zu werden. Bronze ging an Liu Sitong, die mit 5,56 Sekunden Rückstand ein eigenes kleines Drama schrieb: erste chinesische Abfahrtsmedaille seit Turin 2006.

Warum dieser sieg forsters olympia-kalender sprengt
Bisher war die Abfahrt ihr Spaß, Slalom ihr Business. Nun steht sie vor dem, was im deutschen Behindertensport „Golden Slam“ genannt wird: vier Disziplinen, vier Starts, vier Mal Anlauf auf Gold. Keine deutsche Athletin schaffte das je. „Ich weiß, dass ich jetzt ein Ziel auf dem Rücken trage“, sagte Forster, „aber ich bin kein Zielscheibe, ich bin ein Geschoss.“
Die Zahlen sprechen für sie: fünf Golds, zwei Silbers, null Bronzes – damit ist sie längst die erfolgreichste deutsche Para-Skifahrerin. Die Piste „Olympia delle Tofane“ misst 2.105 Meter, 63 Tore, 650 Höhenmeter. Forster traf 61 perfekt, zwei nur halb. Das reicht. Und es zeigt, wie unglaublich klein der Unterschied zwischen Legende und Vergessen ist.
Am Montag folgt der Riesenslalom, dann Super-G, schließlich Slalom. Für Cortina ist Forster längst die Story, die Fernsehkameras schwenken automatisch auf sie, wenn die deutsche Hymne ertönt. Für sie selbst ist das hier erst der Auftakt eines Films, bei dem noch keiner das Ende kennt – außer ihr. Und sie schreibt das Drehbuch Schneeflocke für Schneeflocke neu.
