Exoskelette und bionische glieder: so trainiert das militär paralympics-kämpfer neu

Mailand – 15 Millisekunden. So schnell entscheidet ein Exoskelett, ob der Träger die Treppe steigt oder nur den Flur entlangläuft. In dieser Zeit misst ein IMU-Sensor Beschleunigung, Rotation und Orientierung, eine KI vergleicht das Muster mit 50.000 Bewegungsprofilen und ein Elektromotor spielt dem Athleten künstliche Muskulatur vor. Das Ergebnis: Ein Bein, das eigentlich gelähmt ist, bewegt sich so natürlich wie das gesunde.

Das ist kein Science-Fiction-Labor, sondern Alltag im Istituto di Scienze Biomediche della Difesa. Seit drei Jahren entwickeln Militäringenieure hier Technik, die verletzten Soldaten zurück in den Sport bringt – und nebenbei die Paralympics-Szene revolutioniert.

Warum die armee plötzlich weltklasse-sportler baut

Der Grund ist simpler als gedacht: Jeder Euro, der in Rekonvaleszenz steckt, spart später Millionen an Pflegekosten. „Wenn ein Querschnittsgelähmter wieder laufen kann, braucht er kein Pflegeheim“, sagt Kapitän Aldo Lazzi. Sein Team baut aus Carbon, Stahl und Aluminium-Legierungen Skelette, die sich wie ein Rucksack anziehen lassen und die anatomische Drehachse exakt mit der mechanischen verbinden. „Das Knie des Exoskeletts muss dort knicken, wo auch das menschliche Knie knickt. Sonst rutscht die Kraft ins Leere.“

Die Tricks kommen aus der Formel-1: Je leichter das Material, desto schneller die Reaktion. Ein einzelner IMU-Sensor wiegt weniger als ein Zehntel eines Formel-1-Minisensors, dafür misst er 1.000 Mal pro Sekunde. Die Daten fließen in eine App namens Wearable Assistant for Veterans. Der Algorithmus erkennt, ob ein Sprinter seine Hüfte zu frisch dreht – und warnt, bent er sich die Kreuzband-Operation vom letzten Jahr ruiniert.

So fühlt sich stahl an – und kristall nicht

So fühlt sich stahl an – und kristall nicht

Doch die eigentliche Magie passiert im Arm. Major Marco Libertini, Orthopäde, zeigt eine Prothese, die aussieht wie ein schwarzer Handschuh aus Titan. „Wenn ich eine Stahlkugel greife, schließt sich die Hand kräftig. Fasse ich dieselbe Kugel aus Kristall, stoppt der Griff automatisch.“ Die Lösung: Mikro-Elektroden, die im Muskelstumpf die Nervenimpulse abgreifen. Kaltes Wasser erzeugt ein anderes Frequenzmuster als warmes – und der Träger spürt den Unterschied als leichtes Vibrieren im Oberarm.

Die Technik heißt „targeted muscle reinnervation“. Chirurgen verpflanzen dabei verbliebene Nerven auf gesunde Muskeln. Die Prothese wird so zur eigenen Hand – nur dass sie stärker ist und nie ermüdet. In Tokio 2020 gewann ein italienischer Fechter mit solch einem Arm Silber. In Paris 2024 könnten ganze Staffeln starten.

Der feind sitzt im kopf – nicht im bein

Der feind sitzt im kopf – nicht im bein

Doch selbst die beste Technik nützt nichts, wenn der Athlet sie ablehnt. „Eine Prothese kann 50.000 Euro kosten und trotzdem im Schrank landen“, sagt Lazzi. Deshalb sitzen Designer neben Ingenieuren. Carbon wird mit Leder bezogen, Titan mit Hautfarbe lackiert. Das Ziel: Die Hilfe soll verschwinden, nicht auffallen.

Die Zahlen sprechen für sich: 200 Prototypen, 1.200 Tests an Soldaten, 87 Prozent Rückkehr in den Leistungssport. Die nächste Stufe ist bereits in Planung: Exoskelette, die nicht nur laufen, sondern springen und sprinten. Die Paralympics 2028 in Los Angeles könnten die ersten Spiele werden, bei denen einige Zeiten der Behinderten schneller sind als die der Gesunden.

Christian Schneider, TSV Pelkum Sportwelt – Mailand, vor Ort im Labor, wo Sportler zu Cyborgs werden und Cyborgs zu Sportlern.