Diaz nach torun-gold: weltrekord-attacke beim golden gala
Andy Diaz spuckt nach seinem zweiten Weltmeisterschafts-Triumph keine Sekunde lang Glitzer. „Ich will den Weltrekord. Punkt.“ Die Worte knallen noch in der Nacht durchs Hotel, während seine Konkurrenten schon wieder den Rückzug antreten.
Von absage zu angriff in 14 tagen
Vor zwei Wochen hatte der 27-Jährige gemeinsam mit Coach Fabrizio Donato die Reise nach Polen abgeschrieben. „Wir wollten direkt in die Außensaison starten, die Halle abschreiben“, sagt Diaz und lacht schwarz. Dann sah das Duo die Sprunglisten der Gegner, rechnete nach und stellte fest: Die Medaille liegt offen herum. Also kurz entschlossen doch geflogen, mit nur zwei Trainingseinheiten auf Tartan. Ergebnis: 17,75 m, Gold, neue persönliche Bestleistung. „Mein Bein hat beim ersten Sprung leicht gezuckt, danach habe ich nur noch verwaltet. Ich war nicht einmal scharf für dieses Rennen.“
Die Zahl, die ihn jetzt jagt, steht seit 1995: 18,29 m, aufgestellt von der Triple-Jump-Legende Jonathan Edwards. Diaz kennt die Latte Meter für Meter. „Die Marke wartet auf mich. Sie ist kein Gespenst, sie ist ein Häuptling, der seinen Stamm ruft.“ Italien, sein Geburtsland, soll Schauplatz des Angriffs werden. „Der Golden Gala in Florenz wäre perfekt. Die emotionale Energie dort ist ein Turbo.“

Der perfektionist, der nie zufrieden ist
Anders als viele Sieger, die nach dem dritten perfekten Spruch den Champagner öffnen, ritzt Diaz mit dem Stift weiter in seine Notizbücher. „Ich bin nie happy. Es geht immer besser.“ Der Satz klingt nicht nach Klischee, sondern nach Lebensphilosophie. Sein Coach pflichtet bei: „Andy hasst Mittelmaß. Nach jedem Wettkampf schickt er mir Videos mit Zeitstempeln. ‚Hier bin ich 2 cm zu spät, hier habe ich 150 ms verloren.‘ Das ist krank, aber das macht Champions.“
Die Statistik bestätigt den Ehrgeiz: Seit 2022 stieg seine Bestleistung jede Saison um durchschnittlich 21 Zentimeter. Bei diesem Tempo würde er den Weltrekord bereits 2025 berühren. „Ich brauche keine Glücksfeen, ich brauche konstante 11-Sekunden-Anlauf-Geschwindigkeit und einen zweiten Satz Beine“, sagt er und grinst dabei wie ein Student, der die Lösung einer Mathe-Klausur entdeckt hat.

Italiens neue goldgrube
Mit dem Doppelsieg in Torun (2022 und 2024) katapultierte sich Diaz in eine Dimension, die italische Leichtathletik seit der Ära von Fiona May nicht mehr gesehen hat. Der Verband hat bereits Sponsoren geklärt, die den geplanten Rekordversuch mit Live-Bannern unterfüttern. Auch der RAI will eine Dokumentation drehen. „Die Leute sollen verstehen: Dreisprung ist keine Nebenschau, das ist Hauptbühne“, so Diaz.
Der Athlet schläft vier Stunden pro Nacht, weil er sich Videos von Konkurrenten ansieht, bis die Augen brennen. „Wenn ich müde bin, simuliere ich den Sprung im Kopf. 19 Schritte Anlauf, fünf Phasen, 17,90 m. Dann schlafe ich ein wie ein Kind, das seine Schuhe fertig geschnürt hat.“
Der Weltrekord mag in Zahlen 18,29 m heißen. Für Diaz ist er ein lebendes Ziel, das er schon riechen kann. „Ich weiß, wie sich 18,30 m anfühlt. Ich habe den Film dazu im Kopf gedreht. Jetzt muss ich nur zur richtigen Zeit auf die Play-Taste drücken.“ Der Countdown läuft – und Italien wird zum Kino eines neuen Sportsommers.
