D'aversa nach 2:1 in neapel: „unser mut fehlte in den entscheidenden sekunden“
Neapel schlägt Turin mit 2:1, doch die wahre Geschichte des Abends steht im Mixed-Zone-Mikrofon von Roberto D'Aversa. Der Coach des Torospricht nicht von Aufgebote, sondern von einer Leere, die sich zwischen der 28. und 30. Spielminute auftut – jene Minuten, in denen sein Team die Partie verliert, ohne dass die Kugel überhaupt ins Netz rollt.
„Wir haben angst vor dem moment“
„Vor dem 0:2 hatten wir die Riesenchance durch Casadei, dann schlägt Napoli zu. Das ist kein Zufall, das ist ein Muster“, sagt D'Aversa und kratzt sich am Ärmel seines Trockenfit-Shirts. Die Zahlen sprechen für ihn: Seit Jahresbeginn kassierte Turin in 9 von 11 Auswärtsspielen den Gegentreffer, nachdem sie selbst zuerst hochkarätig scheiterten. „Wir laufen an, wir drücken, aber wenn es brennt, fehlt die letzte Konsequenz. Das ist kein taktisches Problem, das sitzt zwischen den Ohren.“
Die Szene, die ihm die Nacht rauben wird, passiert in der 63. Minute. Politano schlenzt eine halbhohe Hereingabe in den Strafraum, Meret bleibt wie angewurzelt stehen, und Zapata köpft zum 2:1 ein. D'Aversa hatte seine Abwehr erst am Vormittag auf diese Standards geschult. „Wir wussten, dass Politano aus dieser Position 37 Prozent seiner Flanken direkt auf den ersten Pfosten spielt. Die Jungs stehen richtig, aber keiner greift durch. Das ist keine Anweisung, das ist Selbstschutz. Und der kostet uns Punkte.“

30 Zähler reichen nicht für den klassenerhalt
Mit 30 Punkten nach 28 Spieltagen steht Turin einen Punkt über dem Strich. Klingt beruhigend, ist es nicht. Denn die Formkurve zeigt seit Wochen nach unten, und das Restprogramm liest sich wie ein Who-is-Who der Liga: Atalanta, Lazio, Milan. D'Aversa zuckt mit den Schultern: „Wir können nicht darauf warten, dass die Konkurrenten patzen. Wir müssen selbst siegen. Und dafür brauchen wir nicht neue Übungen, wir brauchen neue Köpfe.“
Der 49-Jährige verrät, dass Sportdirektor Vagnati ihm nach dem Spiel eine WhatsApp schickte: ein Bild der Tabelle und ein einziges Wort – „Kopf hoch“. D'Aversa lacht bitter. „Ich antworte ihm immer mit demselben Foto: unserem Torverhältnis. 28:41. Das sagt mehr als jedes Motivationszitat.“
Der plan heißt jetzt „selbstverteidigung“
Am Donnerstag trainiert der Toro bereits wieder im Filadelfia-Gelände. D'Aversa hat die Stunde um 9:00 Uhr vorverlegt, damit seine Spieler noch vor dem Frühstück einen Videomarathon ertragen müssen. 45 Minuten nur Standards, 45 Minuten nur Zweikampfverhalten. „Wir werden diese Woche kein einziges Mal elf gegen elf spielen. Es gibt nur noch Situationen. Der Gegner schlägt einen Ball, wir müssen ihn weg haben. Punkt. Wer nicht rangeht, fliegt raus. Keine Diskussion.“
Und die Fans? Die Curva Maratona skandierte auch in Neapel 90 Minuten lang „D'Aversa resta“, was angesichts der Ergebnisse fast schon an Ironie grenzt. Der Coach wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Die Leute spüren, dass wir kämpfen. Aber Kämpfen allein zahlt keine Punkte. Ich brauche keine Liebe, ich brauche Tore. Und die bekommt nur, wer den entscheidenden Meter geht – nicht der, der danach fragt.“
Am 33. Spieltag empfängt Turin den FC Bologna. Die Quoten auf einen Torino-Sieg stehen bei 2,95. D'Aversa lacht erneut, diesmal ohne Bitterkeit. „Setzen Sie zehn Euro auf uns. Wenn wir gewinnen, kaufen Sie sich von dem Geld ein Bier. Wenn nicht, trinke ich eins auf Ihre Gesundheit. Aber eins ist sicher: Ich werde diese Mannschaft nicht sicherheitshalten. Wer sicher spielt, verliert am Ende doch. Und das haben wir diese Saison schon zu oft bewiesen.“
