Castrop trifft köln dreifach – und kann sich nicht freuen
28 Sekunden. So lange brauchte Jens Castrop, um sein altes Zuhause in Schutt und Legen zu legen. 28 Sekunden, und die Müngersdorfer Kurve verstummte, als hätte jemand den Stecker gezogen. Der 22-Jährige traf, legte auf, trifft wieder – und ging trotzdem mit gebrochenem Schuh und gebrochenem Herzen vom Platz. 3:3 im Derby, ein Resultat, das sich wie ein Kater anfühlt.
Sein schuh in der hand, der ball im netz
Castrop hielt den rechten Fußballschuh wie einen Beweisstück. Die Sohle hatte sich nach dem Schlag aus 20 Metern leicht verabschiedet, der Fuß war dick, der Schmerz „ekelhaft“, wie er sagt. Lukas Ullrich stand schon in den Startlöchern, doch der Mittelfeldspieler winkte ab. „Das ist ein Derby, da wird nicht gewechselt, da wird durchgebissen.“ Was folgte, war das Tor des Abends: halblinks, Volley, unter die Latte. Köln-Torwart Jonas Urbig war noch im Sprung, als der Ball schon zappelte. Castrop hob nur die Hand, kaum jubelnd. Er wusste: Das reicht nicht für drei Punkte.
Dabei war er an allem beteiligt, was Borussia Mönchengladbach an diesem Sonntagnachmittag zustande brachte. Das 1-0, das 2-2, das 3-2 – alle drei Treffer gingen auf seine Kappe. Eine Vorlage, zwei Tore, unzählige Zweikämpfe. „Wenn du hier als Kölner Junge dreimal triffst, dann schreibt das Geschichte“, sagte er, „aber ohne Sieg bleibt die Geschichte halb so schön.“

Die whatsapp-explosion, die niemand feiert
Nach dem Abpfiff ging das Handy nicht mehr aus den Händen. 47 ungelesene Nachrichten, sagt er, „alle aus Köln, alle happy“. Freunde von damals, Cousins, ehemalige Trainer vom SC Fortuna Köln, seinem Jugendklub. „Die schreiben: Endlich mal wieder ein Derby-Tor! Aber keiner schreibt: Endlich mal wieder ein Derby-Sieg.“ Castrop lacht, aber es klingt wie ein Schluck Wasser, der sich falsch rum bewegt.
Die medizinische Abteilung hatte ihn sofort nach der Partie in eine Kühlmanschette gepackt. Diagnose: keine Struktur, aber Spannung im Mittelfuß. „Die bekommen wir gelöst“, sagt er und klingt dabei wie jemand, der morgen schon wieder laufen will. Der Schuh aber, der bleibt auf der Ersatzbank. „Der kommt ins Regal, direkt neben das Trikot vom ersten Profi-Spiel.“ Ein Trost, klein, aber greifbar.
Am Ende stand er leicht humpelnd im Mixed-Zone-Gewusel, umgeben von Mikrofonen und Kameras. Die Fragen kannte er schon vorher: Wie fühlt es sich an, gegen die alte Heimat zu treffen? Antwort: „Wie beim Ex zu treffen – du willst gewinnen, aber du willst auch nicht, dass es wehtut.“ Und ob er sich freue? Er zögerte. „Ich kann mich nicht richtig freuen. Aber ich werde diesen Tag nie vergessen.“ Dann verschwand er in Richtung Kabine, Schuh in der Hand, Derby im Herzen – und die nächste Runde schon am Horizont.
