Carnevale zieht messer: dreißig jahre später brennt der 88er herzschlag noch
Andrea Carnevale hat das Skudetto an der Brust – und den Schmerz immer noch im Herzen. Fast 30 Jahre nach dem 1. Mai 1988, als Napoli gegen Mailand den Titel verspielte, ritzt das Gespräch die alte Wunde auf. „Es tut immer noch weh“, sagt der ehemalige Stürmer und streicht sich über die imaginäre Narbe. „Die Narbe sitzt hier“, fügt er hinzu und tippt sich gegen die Stirn.
Inter hat gold in der tasche, aber die verfolger beißen
Sechs Punkte Vorsprung, acht Spieltage – die Statistik spricht für Inter. Carnevale lacht das nicht aus. „Wer jagt, gibt nicht auf“, sagt er und erinnert sich selbst an die Truppe von 1988, die einst 11 Zähler vorne lag und trotzdem leer ausging. Die Lehre: Tabellen lügen erst am letzten Spieltag nicht. Milan und Napoli haben die Pflicht, zu glauben – und das tun sie.
Die Partie auf dem Maradona am 30. Spieltag wird laut Carnevale „eine von denen, die eine Mannschaft aus der Spur werfen“. Wer dort verliert, darf sich auf die Champions-League-Quali konzentrieren. Die Rechnung ist simpel: Ein Sieg gegen den direkten Konkurrenten zählt doppelt – moralisch und rechnerisch.

Hojlund trumpft auf – und das ist kein zufall
Den entscheidenden Unterschied machen laut Carnevale momentan die Mittelstürmer. „Der, der gerade am besten aussieht, ist Hojlund“, sagt er und meint nicht nur die Trefferquote, sondern die Art, wie der Däne Räume erobert und Abwehrketten verschiebt. „Er trägt Mailand in den Zweikampf, das gibt den anderen Luft.“
Dabei schätzt er auch Trainer Pioli: „Ohne diese Inseln der Ruhe und diese Laufwege wäre Milan längst abgesackt.“ Auf der Gegenseite hofft er, dass Osimhen nach seiner Knie-Reaktion die alte Spritzkraft findet. „Wenn er zwei, drei Sprints mehr pro Halbzeit schafft, wird die Abwehr der Nerazzurri alt aussehen.“
Carnevale spricht schnell, unterbricht sich selbst, als würde er noch einmal durch den Tunnel laufen. Die Erinnerung bleibt greifbar. „Wir hatten alles – und am Ende doch nichts. Deshalb: Wetten sind verboten, Träumen erlaubt.“
Die Tabelle sagt Inter 67 Punkte, Milan und Napoli folgen mit 56 beziehungsweise 55 Zählern. Drei Teams, eine Meisterschaft, ein Mythos. Am 30. Spieltag wird das San Paolo wieder zum Schauplatz von Träumen – oder zum Grab von Hoffnungen. Carnevale kennt beide Seiten. Er wird zuschauen, Messer in der Tasche und Skudetto im Herzen.
