Löw zückt den lahm-vergleich: kimmich rechts – das ist die wm-waffe

Joachim Löw liefert das Kompliment, das Nagelsmann brauchte: Joshua Kimmich ist für den 66-Jährigen auf der rechten Abwehrseite „auf Weltklasse-Niveau“. Die Ansage kommt pünktlich zum WM-Sprint und erinnert fatal an Brasilien 2014 – damals rückte Philipp Lahm kurzfristig zurück, Deutschland wurde Weltmeister.

Warum jetzt ausgerechnet rechts?

Die Antwort ist so einfach wie brisant: Im Zentrum wimmelt es von Konkurrenten, die ebenfalls Anspruch auf Startplätze erheben. Leon Goretzka etwa, trotz nur 1.247 Bundesliga-Minuten in dieser Saison, erhält von Löw eine Einschaltgarantie: „Auf Leon ist Verlass.“ Wörtlich heißt das: Kimmich rückt raum, Goretzka rückt rein – und rechts hinten? Dort klafft seit Lahms Rücktritt ein Flicken, den keiner so elegant stopft wie der Bayern-Kapitän.

Nagelsmann hatte das Manöver bereits vor Wochen angekündigt, doch Löws Wort hat Gewicht. Er kennt die Mechanik von Turnieren, die kleinen Risse, die sich im Klima von USA, Mexiko und Kanada auftun können. „Bei den Rechtsverteidigern tun wir uns schwer“, sagt er der Sport Bild – und meint damit nicht etwa Stachanek oder Wolf, sondern das taktische Rätsel, das Gegner wie Frankreich oder Brasilien mit ihren Flügelblitzern stellen werden.

Der Vergleich mit 2014 liegt auf der Hand: Lahm, zuvor jahrelant im defensiven Mittelfeld verortet, wechselte auf Position zwei und verlieh der Mannschaft Balance. Kimmich, selbst jahrelant im Zentrum gedopt, soll dieselbe Kurve kriegen – nur schneller, heftiger, bei 40 Grad Schatten im Aztekenstadion. Löw sieht Paralleen, aber auch einen Unterschied: „Joshua ist heute schon weiter als Philipp es damals war“, schwärmt er. Eine Ansage, die Nagelsmann nicht mehr zurücknehmen kann.

Goretzka als heimlicher profiteur

Goretzka als heimlicher profiteur

Während Kimmich die Außenbahn poliert, rückt Goretzka ins Zentrum, wo er neben Ilkay Gündogan oder Pascal Groß die Box-to-Box-Rolle übernehmen soll. Löw wälzt dafür Zahlen: 1.247 Minuten klingen wenig, doch verteilt auf 27 Pflichtspiel-Einsätzen bedeuten sie 46 Durchschnitt – genug, um Taktik-Details nicht zu verlernen. „Er kann seine Rolle interpretieren“, betont Löw. Interpretieren heißt hier: Balleroberung, zweite Linie, Kopfballmonster bei Standards. Kurz: das Rückgrat, das Kimmich hinten entlastet.

Und dann ist da noch die Frage nachAleksandar Pavlovic, dem Bayern-Jungspund, der wegen Muskelproblemen zunächst daheim bleiben muss. Löw aber schließt nicht aus, dass er nachrückt – und zwar nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung. „Bei Bayern braucht man Spieler, die gleichwertig ersetzt werden können“, sagt er. Gemeint ist: Ein Kimmich auf rechts kann jederzeit wieder in die Mitte rotieren, wenn Pavlovic fit ist. Ein Schachzug, der Flexibilität vorgaukelt, aber intern bereits fixiert ist.

Die WM-Tickets sind verteilt, die Rollen verteidigt. Am 11. Juni gegen Marokko in New York wird sich zeigen, ob Löws Lahm-Modell 2.0 aufgeht. Die Wette: Kimmich liefert die Vorlagen, Goretzka die Torschüsse – und Deutschland den nächsten Glanzpunkt. Denn wer Erfolg kopieren will, muss manchmal einfach nur die Seite wechseln.