Carbon statt blech: florin boeck packt aus, wie deutsche para-athleten gold reiten
„Wir sitzen gerade in Cortina, und Anna-Lena hat uns gerade Silber beschert – auf einem Ski, den wir quasi in einem 3-D-Scanner erfunden haben.“ Florin Boeck klingt, als hätte er selbst die Hälfte der 1,4 Sekunden herausgeschliffen, die Anna-Lena Forster gestern vom Podest in die Geschichtsbücher katapultierten. Der Mann vom Berliner Forschungsinstitut FES lacht kurz, dann schaltet er in Ingenieur-Modus: Carbonfasern, Dämpfer-Borrowing aus der Formel-1-Box, Mikro-Anpassungen im Zehntelmillimeter-Bereich.
Warum der mono-ski kein ikea-bausatz ist
Boeck erklärt, warum sein Team seit 2023 einen eigenen Parasport-Bereich betreibt: „Weil ein Beinabgang nicht nur Muskelkraft, sondern auch Konstruktionsglück ersetzt.“ Forsters rechtes Bein fehlt, das linke Endglied sitzt fast am Oberschenkel. Die Folge: Jede Fahrbahnunebenheit schlägt direkt auf Wirbelsäule und Hüfte durch. Also bauten die FES-Tüftler eine Sitzschale, die wie ein zweites Skelett wirkt – 120 Gramm leicht, aber 1,8 Tonnen Druck belastbar. Dazu ein Racing-Dämpfer, der eigentlich in Nürburgring-Autos vibrationstot macht. Ergebnis: Forster spürt kaum noch Erschütterungen, kann sich auf Edge-Wechsel konzentrieren statt auf Schmerztabletten.
Der Clou: Die Schale ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Boeck: „Wir scannen die Athletin, drucken die Passform über Nacht und testen am nächsten Morgen auf der Piste. Bei Olympia reicht eine Woche Vorlauf; bei Paralympics brauchen wir drei, weil jede Anpassung den Alltag betrifft – Auto, Transfer, Toilette.“

Die 88-prozent-bombe und der wettlauf der geheimdienste
Deutschland holte 2022 in Peking 88 Prozent seiner Medaillen mit Material, das FES oder Partner-IAT mitentwickelt hat. Boeck nennt die Zahl flüchtig, als wäre sie ein Beweisstück in einem Prozess. Dabei geht es nicht nur um Gold, sondern um Prestige. „Großbritannien hat exzellente Sportingenieure, die USA pumpen Privatmilliarden rein, China subventioniert staatlich. Und alle schauen sich gegenseitig auf den Zahn – nur redet keiner.“ Deshalb die hämische Warnung: „Was Sie heute auf der Piste sehen, ist nicht in einer Hinterhof-Werkstatt entstanden.“
Die Ingenieure arbeiten mit Offenbarungseid: Sie tauschen sich intern aus, nie nach außen. Ein verräterisches Foto auf Instagram? „Kann eine Saison Arbeit versenken.“ Deshalb fliegt Boeck selbst ins Rennbüro, checkt Schraubenstellungen, kurvt mit dem Ski-Wagen durch Cortina, „weil ein verrutschtes Zahnrad am Ende die Medaillenfarbe bestimmt“.

Warum forsters silber nur der anfang ist
Die Paralympics-Woche ist für Boeck kein Feierabend. Er wird noch einmal in den Skiraum fahren, sich verabschieden, „dann geht’s zurück nach Berlin, wo schon der nächste Scanner läuft“. Denn was heute Carbon ist, kann morgen schon aus Aluminium-Rohstoff Nr. 3 der Raumfahrt bestehen. Die Frist: Paris 2028. Bis dahin will er sieben Sommersportarten und drei Wintersportarten komplett neu erfinden – alles aus einer 3-D-Küche, die aussieht wie ein Start-up, aber klingt wie ein Geheimlabor.
Die Athleten nennen das „Lego für Erwachsene mit Goldgeschmack“. Boeck lacht nicht mehr. Er schaut auf die Uhr, drückt den Carbon-Ski an die Wand und sagt: „Wenn wir in vier Jahren nicht wieder Silber holen, haben wir versagt – und das zählt nicht als Sport, das ist Ingenieurskrieg.“
