Capello zerreißt italiens klubs: „früher hatten wir giganten, heute mittelmaß ohne vorbildwirkung“
Fabio Capello redet Tacheles. Der 79-Jährige, der einst Milan, Roma, Juventus und Real Madrid trainierte, sieht in der aktuellen Krise der Serie A und der Nazionale kein Pech, sondern eine hausgemachte Qualitätsschwemme. „Wir haben die Besten gegen die Mittelmäßigen getauscht – und wundern uns, dass es nicht mehr reicht“, sagt er im Gespräch mit Gazzetta+.
Seine Rechnung ist gnadenlos simpel: Zwischen 2006 und 2014 spielten in Champions-League-Viertelfinals durchschnittlich vier italienische Teams. In dieser Saison reisten Inter, Milan, Napoli und Atalanta bereits in der ersten K.o.-Runde nach Hause. „Das ist kein Zufall, das ist ein strukturelles Desaster“, so Capello.
Warum italienische talente den sprung nicht schaffen
Der frühere Nationaltrainer deckt auf, was viele Funktionäre beschönigen: Die Jugendarbeit verläuft zwar breit, aber flach. „Wir fördern Durchschnitt, weil wir Angst haben, Individualität zu ertragen.“ Als Beleg zitiert er die Zahlen des italienischen Verbands: 2023 gingen 42 Prozent der U-21-Minuten an Ausländer, 2013 waren es 19. „Wer soll da noch den Sprung ins A-Team schaffen?“
Capello plädiert für ein radikales Umdenken: Klubs müssten wieder Mut zu eigenen Spielern haben, statt auf kurzfristige Leihgeschäfte zu setzen. „Ein Paolo Maldini würde heute in der Primavera sitzen, bis er 22 ist. Dann hätte ihn jemand für 1,5 Millionen nach England verkauft.“
Der ehemalige Real-Coach fordert zudem eine Obergrenze für Ausländer in Kadern – nicht aus Xenophobie, sondern aus Pragmatismus. „Wenn du 25 Profis hast und nur acht Italiener, wird die Nazionale zur Lotterie. Genau das sehen wir jetzt live.“

Der preis der mittelmäßigkeit: 800 millionen euro
Laut Deloitte verlor die Serie A durch das Ausscheiden aller Klubs vor dem Viertelfinale rund 800 Millionen Euro an Prämien, TV-Geldern und Sponsoring. Capello sieht darin einen Teufelskreis: „Weniger Geld bedeutet schlechtere Sportdirektoren, die wiederum schlechtere Transfers tätigen. Das Ende der Fahnenstange ist erreicht.“
Und die Nationalmannschaft? Auch hier zieht der 79-Jährige eine harte Linie. „Wenn du drei Turniere in Folge verpasst, bist du kein Top-Nation mehr, sondern ein Turniergast mit Sonderstatus.“ Für die WM 2030 sei Italien derzeit „nicht einmal unter den ersten 15 Favoriten“ zu finden.
Sein Fazit klingt wie ein Vermächtnis: „Wir haben die besten Taktiklehrer, die besten Stadien, die meisten Fans. Was wir nicht haben, ist Geduld mit Talenten. Solange wir das nicht ändern, bleibt der Fußball ein Fremdkörper im eigenen Land.“
