Brack ist tot – und der handball spricht noch immer mit seinem lachen

Ein Schritt auf die Tribüne, ein Blick über die Brille, dann das Lachen – drei Jahre sind vergangen, und trotzdem halten sich die Geschichten. Rolf Brack starb am 14. Juni 2021, 69 Jahre alt, ein Herzschlag, und plötzlich war die Seitenlinie stiller. Seitdem erzählen Spieler, Co-Trainer und Presseoffiziere Anekdoten, als wäre der „Handball-Professor“ selbst noch in der Kabine und korrigiere den Taktikplan mit rotem Edding.

Keine titel, dafür zehn leben gerettet

Andere Trainer werden an Meister-Plaketen gemessen, Brack an Abstiegs-Plaketten, die es nie gab. Oberliga, 2. Bundesliga, 1. Bundesliga – egal, welche Gehaltsliste drohte, er fand einen Weg. Mit dem VfL Pfullingen stieg er auf, mit HBW Balingen-Weilstetten hielt er elf Jahre die Klasse, sieben davon als Chef. Kein Pokal, keine Schale, dafür 23 Mal „Klasse gehalten“ in Statistikbüchern, die niemand kauft, aber Klubverantwortliche Tränen der Erleichterung entlocken.

Axel Kromer, heute Geschäftsführer in Balingen, erinnert sich: „Rolf hat uns gelehrt, dass Tabellenrückwärtsrechnen eine Kunst ist. Er konnte vor dem letzten Spiel ausrechnen, welche Tordifferenz uns rettet, und gleichzeitig dem Kader einreden, wir würden Meister spielen.“

Der siebte feldspieler war seine erfindung, die regeländerung nur die post

Der siebte feldspieler war seine erfindung, die regeländerung nur die post

Lange bevor die IHF den zusätzlichen Akteur offiziell erlaubte, probierte Brack ihn in Testspielen aus. Er bezeichnete die Formation als „Power-Minus“, weil die Abwehr plötzlich mit einem Mann weniger stand, der Kreisläufer dafür im Angriff doppelt frei stand. Gegnerische Trainer protestierten, Schiedsrichter schauten verwirrt, Brack grinste. „Wenn die Regel dich einholt, bist du zu spät dran“, sagte er damals zu Ronald Maier, dem handball-world-Chef, der wenig später ebenfalls verstarb.

Die Liste seiner Schützlinge liest sich wie das Who-is-Who des deutschen Handballs. Alfred Gislason legte bei ihm die A-Lizenz ab, Ralf Rangnick ließ sich fußballerische Automatismen erklären, Schweizer Verbandskoaches buchten ihn jahrelang als externen „Krisen-Consultant“. 20 Jahre lang bestimmte er die DHB-Trainerausbildung, und wer den Lehrgang bestand, konnte anschließend Bracks Lachen im Ohr summen.

Ein tod, der selbst statistiken nicht erklärt

Ein tod, der selbst statistiken nicht erklärt

Die Nachricht traf die Szene mitten in den Play-downs. WhatsApp-Gruppen explodierten, innerhalb einer Stunde war die Trauergruppe „Rolf Brack Erinnerungen“ auf 400 Mitglieder angewachsen. Die Posts dort sind bis heute aktiv: Videos, in denen er mit aufgerissener Jacke flucht, Sprachnotizen, in denen seine Stimme durch Boxen donnert, und Fotos von Taktikbögen, auf denen sich rote Pfeile wie Blutspuren durch die Zone ziehen.

Sein letzter öffentlicher Auftritt fand am 5. Juni 2021 statt, online-Seminar für die EHF, Thema: „Gegenpressing nach Ballverlust“. 150 Teilnehmer, 90 Minuten, keine Pause. Am Ende bedankte er sich, schaltete seinen Bildschirm aus – und starb neun Tage später. Die Aufzeichnung läuft inzwischen auf YouTube, 34.000 Aufrufe, Kommentare in sieben Sprachen. Unter dem Video ein Eintrag von „CoachTobi94“: „Ich habe meine Masterarbeit über sein Sieben-Feldspieler-Modell geschrieben. Er wird uns nie abstiegen lassen.“

Der handball trägt seine dna weiter

Jeden Samstag, wenn die 1. Bundesliga in die entscheidende Phase läuft, schauen Statistiker auf die Tabelle und rechnen: Wer hat die beste Tordifferenz, wer die meisten Siebenmeter verwandelt, wer den kürzesten Kader? Dabei zitieren sie eine Formel, die Brack in einem Vortrag 2008 skizzierte: „Rettung = Effizienz plus Emotion minus Eigendynamik“. Keiner weiß mehr, was genau „Eigendynamik“ bedeutet, aber alle benutzen das Minus.

Die SG Dietzenbach spielt in der Regionalliga, TSV Scharnhausen ist abgestiegen, HBW Balingen-Weilstetten kämpft gegen den zweiten Abstieg in Folge. Die Klubs wechseln, das Prinzip bleibt: Trainer, die bei Brack lernten, retten sich mit seinem Repertoire. Und wenn in der Kabine das Licht ausgeht, erklingt manchmal ein Lachen, das nicht von ihm ist – aber durch ihn entstand.

Die Erfolge stehen nicht im Pokal-Schrank, sondern in Abstiegsstatistiken, die niemand feiert. Drei Jahre danach fehlt nicht nur ein Mensch, sondern eine ganze Methode: Handball als Mathematik der Leidenschaft. Wer suchen will, findet sie noch, zwischen den Zeilen von Excel-Tabellen und in Gesprächen, die mit den Worten beginnen: „Weißt du noch, wie Brack damals.“