Boyds spätes 'wembley-tor' jagt aue in den abstiegstrudel

In der 90. Minute war alles drin: ein Punkt für den Abstiegskandidaten, ein Remis für den Aufstiegsaspiranten, Ruhe im Waldhof-Stadion. Dann donnerte Terrence Boyd den Ball an die Latte – und die Kugel flutschte in Sekundenbruchteilen über die Linie, ehe sie wieder nach draußen prallte. Schiedsrichter Timon Schulz sah's anders, zählte das Tor, versetzte Erzgebirge Aue damit einen Faustschlag in den Magen.

2:1 für den SV Waldhof Mannheim, 2:1 dank eines umstrittenen Treffers, der an Wembley 1966 erinnert, an Frank Lampard 2010 und an jede Debatte über Torlinientechnik. Die Veilchen verlassen den Carl-Benz-Stadion mit leeren Händen, der Tabellen-17. rutscht tiefer in den Strudel, während die Kurpfälzer den Aufstiegskurs halten.

Der spielverlauf: stagnation, aufbäumen, drama

Die erste Hälfte gehörte den Gästen. Marcel Bär vergab drei Großchancen, Marvin Stefaniak nagelte den Abpraller nach einem Weitenwurf von Ryan Malone zur verdienten Führung. Der Waldhof wirkte ideenlos, ahnungslos, als wäre der neue Rasen noch ein fremder Teppich. Die 12.000 Zuschauer gähnten sich durch 45 Minuten.

Doch die Kabine wirkt bei Luc Holtz wie ein Reset. Lovis Bierschenk, erst im Winter aus Mainz gekommen, jagte nach der Pause den Ausgleich ins Netz – Volley, unter die Latte, 1:1. Plötzlich rollte der Ball nur noch in eine Richtung: nach vorn. Thijmen Nijhuis und Martin Männel parierten, was sie finden konnten, bis Boyd in der Nachspielzeit das Wembley-Tor erzielte.

Die debatte: technik versus menschliches auge

Die debatte: technik versus menschliches auge

Die TV-Bilder sind eindeutig – und gleichzeitig nichts sagend. Die Kugel scheint die Linie zu berühren, aber nicht vollständig. Keine Torlinienkamera, kein VAR in Liga drei, nur der Assistent und Schulz' entschlossener Pfiff. Aues Trainer Christoph Dabrowski tobte, seine Spieler sanken auf den Rasen, der Abstand zum rettenden Ufer wächst auf fünf Punkte.

Für den SV Waldhof zählt nur die Tabelle: 52 Punkte, Platz drei, Aufstiegsrang. Nächste Woche geht's nach München zur Löwen-Partie, Aue empfängt Hoffenheim II. Dort wird wieder gespielt, aber das Echo des Wembley-Tors wird die Veilchen noch Wochen begleiten – und vielleicht bis in die Relegation hallen.