Boston: wie fußball hier seine wurzeln schlug – und warum die rivalität mit dem american football so brisant ist

Es ist ein Kampf der Giganten in Boston: Die Patriots der NFL, die Red Sox im Baseball und die Bruins im Eishockey dominieren die Sportlandschaft. Doch inmitten dieser Schwergewichte versucht der Fußball, sich Fuß zu fassen. Dabei hat die Stadt eine überraschende und wenig bekannte Geschichte als Wiege des Sports, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht.

Ein vergessener club und eine kontroverse gründungsgeschichte

Die Geschichte beginnt im Jahr 1862, als Gerrit Smith Miller, ein junger Mann aus New York, an die renommierten Schulen von Boston kam. Gemeinsam mit anderen Schülern, darunter auch von der Latein School of Epes Sargent Dixwell, gründete er den Oneida FC, benannt nach einem See in der Nähe von New York. Ihre Spiele fanden im Common Park, einem der ältesten und berühmtesten Parks der Stadt, statt. Dabei vermischten sie Elemente des Fußballs und der Handballsportarten mit einem runden Ball – eine frühe Form des „Boston Game“.

Ein bemerkenswertes Detail: Der Oneida FC existierte nur drei Jahre, löste sich aber mit einem ungeschlagenen Rekord auf, wie die historischen Aufzeichnungen belegen. Ein Denkmal im Herzen des Parks, nahe des Spruce Street Gate und der Beacon Street, erinnert heute an diesen vergessenen Pionierverein, der von seinen sieben noch lebenden Gründern 1925 feierlich eingeweiht wurde.

Die Kontroverse um die Ursprünge: Fußball oder American Football? Der Oneida FC steht seit jeher im Zentrum einer hitzigen Debatte. Sowohl der Fußball als auch der American Football beanspruchen ihn als ihren Urvater. Historiker argumentieren, dass einige Mitglieder des Oneida FC später an der Harvard University landeten und dort eine Variante des „Boston Game“ entwickelten, die sich schließlich zum modernen American Football weiterentwickelte. Das Oval des ursprünglichen Balls, der auf einer frühen Darstellung zu sehen war, stützt diese Theorie.

Doch es gibt einen entscheidenden Punkt, der die Fußball-Anhänger nicht loslässt: Ein runder Ball aus vulkanisiertem Gummi, der 1963 der Historic New England Gesellschaft übergeben wurde, beweist, dass bereits im 19. Jahrhundert runde Bälle im Spiel verwendet wurden. Die Erfindung von Charles Goodyear ermöglichte die Herstellung dieser Bälle aus Gummi.

Der Höhepunkt der Kontroverse fand 1994 während der Fußball-Weltmeisterschaft statt. Die Befürworter des Fußballs setzten sich schließlich durch und ließen die Plakette am Denkmal ändern, um einen runden Ball darzustellen – ein deutliches Zeichen dafür, dass der Fokus auf dem Spiel mit den Füßen lag. Die ursprüngliche, ovale Darstellung wurde damit ausgebügelt.

Die Rivalität spiegelt auch die gesellschaftlichen Unterschiede wider: Während der American Football sich als Sport der oberen Schichten in Boston etablierte, fand der Fußball vor allem unter den neu zugewanderten Arbeitern Anklang.

Ein erbe lebt weiter: der neue oneida fc

Ein erbe lebt weiter: der neue oneida fc

Obwohl der historische Oneida FC längst Geschichte ist, hat eine Gruppe ambitionierter Amateurspieler 2011 einen neuen Club unter demselben Namen gegründet. Sie treten in der Bay State Soccer League (BSSL) an, einer der anspruchsvollsten Amateur- und Semi-Professionalligen in Massachusetts. Ihre Heimspiele finden im East Boston Memorial Stadium statt und sind ein lebendiger Beweis für die anhaltende Faszination für den Fußball in Boston.

Die Geschichte des Oneida FC ist ein faszinierendes Kapitel der amerikanischen Sportgeschichte, das zeigt, dass die Wurzeln des Fußballs tiefer reichen als man allgemein denkt – und dass die Debatte um seine Ursprünge noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Rivalität mit dem American Football spiegelt dabei nicht nur die unterschiedlichen Ursprünge beider Sportarten wider, sondern auch die gesellschaftlichen Kräfte, die ihre Entwicklung geprägt haben.