Becker trifft, mainz wackelt trotzdem – der punkt, der mehr wert ist als drei
Ein Schlag ins Kontor, ein Aufatmen, ein Neustart. Als Sheraldo Becker in der 67. Minute den Ball aus 14 Metern volley ins linke untere Eck hämmerte, war Leverkusen kurz leise. Der Surinamer hatte nicht nur sein erstes Tor für Mainz erzielt – er hatte der Mannschaft das Selbstvertrauen zurückgeholt, das in der Vorrunde zerlumpt wie ein altes Trikot wirkte.
Der konter, der alte tugenden weckte
Was Daniel Batz da in der 66. Minute sah, war kein Zufall, sondern ein Gespür für Raum, das Torhüter selten beweisen. Seine Hand warf den Ball nicht einfach nach vorne, sie legte eine Absicht frei: „Lauft, Jungs, hier ist eure Chance.“ Paul Nebel nahm das Signal, sprintete 60 Meter, hob den Kopf und fand Becker, der sich zuvor schon zwei Mal verzog. Diesmal ließ er nicht nach, diesmal traf er. 1:0. Auswärts. Gegen den Champions-League-Teilnehmer. Die Mainzer Bank explodierte, die BayArena verstummte.
Acht Minuten vor Schluss dann doch der Dämpfer: Jarell Quansah köpfte den Ausgleich. Mainz hatte 88 Minuten lang die Schnauze voll gehalten, hinten dicht, vorne zielstrebig. Der späte Gegentreffer schmerzt. Er schmerzt aber nicht so sehr wie noch im November, als jedes Gegentor wie ein Schuldgeständnis wirkte. Denn diesmal war die Reaktion anders: Kein Hängen der Köpfe, kein Schulterzucken, sondern ein Kollektiv, das weiß, dass der Abstiegskampf kein Sprint, sondern ein Boxkampf ist.

Becker: „wir glauben, weil wir müssen“
Im Interview mit SWR Sport wirkt Becker nicht wie ein Held, sondern wie ein Arbeiter, der gerade seinen ersten Lohn nach der Probezeit kassiert. „Wir brauchen jeden Punkt“, sagt er und klingt dabei nicht wie ein Politiker, sondern wie jemand, der sich die Zahlen der Tabelle vor dem Zubettgehen einprägt. Die Magie steckt im Detail: Er erzählt, wie er vor dem Abschluss noch einmal zweimal überlegte, sich dann aber für den Direktschuss entschied – „weil der Ball ein bisschen in meinen Rücken kam und ich keine Zeit verlieren durfte“. Kein Pathos, nur pure Handlungslogik.
Die Niederlage in Bremen, die Pleiten gegen Bochum und Augsburg – all das scheint in Leverkusen wie ausgelöscht. Becker spricht von Paul Nebel, der „alles hat, was ein moderner Flügelstürmer braucht“, und von der Kabine, in der „niemand mehr über Winter redet, sondern nur noch über die nächste Woche“. Die Verunsicherung der Vorrunde? Abgelegt wie ein ausgeleiertes Warm-up-Shirt.

Der punkt, der nach punkten schreit
Mainz steht weiter im Abstiegsranking, aber die Tabelle lügt manchmal. Was zählt, ist die Momentaufnahme: 1:1 in Leverkusen, die zweite Auswärtsunbesiegtheit in Folge, drei Neuzugänge, die sich eingroovt haben. Statistiker mögen sagen, ein Punkt rettet keine Saison. Becker sagt: „Wir kommen langsam, aber wir kommen.“ Das klingt nicht nach Hoffnung, das klingt nach einem Plan, der gerade erst beginnt, Fahrt aufzunehmen.
Nächster Gegner: Stuttgart. Das Stadion wird wieder brodeln. Und wenn Becker erneut startet, wird keiner mehr überrascht sein – weder der Gegner noch sich selbst. Denn der Glaube, von dem er spricht, ist längst keine Floskel mehr. Er hat in Leverkusen ein Gesicht bekommen. Und es trägt Nr. 9.
