Bastoni sprintet zurück: italiens abwehr brennt auf nordirland-kracher
Die Italiener schnüren die Stollen wieder. Weniger als 48 Stunden vor dem Play-off-Auftakt in Bergamo flimmert auf dem Rasen der New Balance Arena ein Bild, das Rino Gattuso noch vor einer Woche für unmöglich hielt: Alessandro Bastoni donnert den Ball ins lange Eck – ohne zu humpeln. Der Innenverteidiger von Inter, beim Derby gegen Mailand noch mit einem Syndesmose-Trauma vom Feld gehinkt, hat die Rehabilitations-Uhr auf „Spielbereit“ gestellt. Sein Ziel: kein erneutes Fiasko wie gegen Mazedonien 2022.
Knöchel, wade, psyche – alles im grünen bereich
Die Mediziner hatten Bastoni eigentlich bis Mai außer Gefecht gesetzt. Doch der 25-Jährige flog stattdessen nach Coverciano, ließ sich Blut perfundieren, probierte Kryotherapie, HILF-Strom, Exzentrik-Training. Am Dienstag wechselte er in der Partie gegen die Primavera von Empoli die Richtung wie ein Slalom-Ski – ohne Schmerzstich. „Er will nicht nur auf der Bank sitzen“, sagt ein Betreuer, „er will die Fahne tragen.“ Gattuso wird heute Morgen in Zingonia die letzte Sprinteinheit abnicken; dann entscheidet sich, ob Bastoni links in der Dreierkette neben Francesco Acerbi und Giovanni Di Lorenzo
Die gute Nachricht hat einen Schatten: Gianluca Scamacca fällt garantiert aus. Die Knie-Reizung, die ihn seit Wochen plagt, erlaubt keine Risikoeinsätze. Für die Spitze bleiben nur Moise Kean und Mateo Retegui, die gestern beim Elfmeter-Kreis gegeneinander anliefen – und beide trafen. Kean zog sein Shirt über den Kopf, Retegui grinste wie ein Schuljunge. Gattuso braucht Torschützen, keine Sympathieträger.

Tonali ist zurück – und sofort mittelfeld-chef
Sandro Tonali hatte gegen Barcelona die Beugemuskulatur gerissen und befürchtete, das Turnier zu Hause verfolgen zu müssen. Gestern aber dirigierte er die erste Elf wie ein Dirigent, stocherte Bälle aus der Luft, schaltete sich vorne ein. Neben ihm wird Nicolò Barella laufen, die Sechs-Position verteidigt vorerst Manuel Locatelli gegen die Konkurrenz von Bryan Cristante. Der Juve-Mann hat die besseren Ballverarbeitungswerte in den GPS-Daten – ein Argument, das Gattuso schwer wiegt.
Rechts hinten tobt ein Kleinkrieg. Matteo Politano spürte nach 35 Minuten gestern einen Stich im linken Wadenkopf – alte Belastung vom Napoli-Programm. Er beendete die Einheit früh, Eisbeutel am Oberschenkel. Die Alternative heißt Tommaso Augello, genannt „Palestra“, weil er in der Pause häufiger im Gewichtsraum als im Taktik-Kreis steht. Augello ist schneller, Politano erfahrener. Die Entscheidung fällt heute Abend, wenn die medizinische Ampel auf Grün oder Rot springt.
Die Nordiren reisen ohne Druck, dafür mit tödlichen Standards. Trainer Michael O’Neill ließ in den letzten 13 Länderspielen 11 Tore nach Ecke oder Freistoß markieren. Gattuso kennt die Zahlen, deshalb trainierte Italien gestern 45 Minuten lang nur die Zweikampf-Zuordnung bei Flanken. Die Stangen wurden mit Schaumstoff gepolstert – ein kleiner Gag, der die Spieler zum Lachen brachte, bis Acerbi mit einer Kopfball-Rakete das Polster zerfetzte. Schweigen im Kreis. Dann Applaus.
Um 20:45 Uhr morgen rollt der Ball im Gewiss Stadium. Für Bastoni könnte es die Rückkehr ins nationale Rampenlicht werden, für Gattuso der erste Schritt Richtung USA/Mexico/Kanada 2026. Die Uhr tickt, die Wade heilt, die Psyche flüstert: Kein zweites Mal Drama. Die Italiener haben ihre Hausaufgaben gemacht – jetzt müssen sie nur noch den Nordwind überstehen.
