Assani steht wieder in der grube: ihr erster sprung nach 14 monaten zwangspause
14 Monate nach dem Sehnenriss, der ihre Karriere beinahe beendete, spürt Mikaelle Assani wieder Sand unter den Sohlen. Die 23-jährige Weitsprung-Hoffnung absolvierte gestern in Leverkusen ihre erste technische Einheit auf der alten Anlaufbahn – ohne Schmerzen, ohne Tape, aber mit einem Kloß im Hals. „Ich habe beim ersten Kontakt fast geweint“, sagt sie. „Nicht vor Glück, sondern vor Angst, dass der Körper wieder nein sagt.“
Die nacht, in der das bein platzte
Apeldoorn, Hallen-EM 2025. Letzter Versuch, letzte Runde. Assani fliegt mit 6,62 m bereits auf Rang drei, da knallt es. „Es hörte sich an, als würde jemand eine dicke Gummischnur durchreißen“, erinnert sich Co-Trainer Udo Metzer. Diagnose: Abriss der Oberschenkel-Sehnenansätze, OP, sechs Monate Krücken, zwölf Monate Reha. „Von einer Sekunde auf die andere war alles weg: Olympia-Ticket, Sponsoren, Selbstbild“, sagt Assani. Sie verlor sieben Kilo Muskelmasse, gewann dafür einen neuen Lebensrhythmus: aufstehen, dehnen, schmerzen, hoffen.
Die Geduld bezahlte sie mit Zweifeln. „Ich habe Nächte gesessen und YouTube-Videos von mir selbst geschaut – nur um zu checken, wie sich ein richtiger Sprung überhaupt anfühlte.“ Ihr Team setzte auf micro-zycles: zuerst 20 Meter Anlauf, dann 40, dann Sprung ohne Absprung, dann mit. Jede Stufe musste von Physio, Psychologe und Metzer abgenommen werden. „Wir haben keine Sekunde gedrängelt. Lieber ein Jahr zu spät als einen Zentimeter zu früh“, sagt Metzer. Die Belohnung: gestern 80 % Laufdistanz, 90 % Frequenz, null Schmerzsignal.

Warum der juni nur der anfang ist
Geplant ist ein Low-Key-Comeback beim Dorfmeet in Wipperfürth – kein TV, keine Gegner vom Niveau Malaika Mihambo, dafür dieselbe Sandgrube wie damals bei den Jugend-Wettbewerben. „Ich brauche das Rauschen im Ohr, das Zittern in den Oberschenkeln, bevor ich wieder in die Weltspitze einsteige“, sagt Assani. LAZ-NRW-Cheftrainer Ralf Weber sieht sie auf 6,30 m in dieser Saison. „Das reicht für die WM-Norm 2027 – und das wäre der zweite Traum nach dem bloßen Zurückkehren.“
Der dritte Traum trägt bereits ein Datum: Los Angeles 2028. Assani hat ihre alte Anlauf-Markierung im Kopf behalten, 37,80 m, aber die Absprung-Muster hat sie neu gemalt. „Mein linker Oberschenkel ist jetzt stärker als vor der Verletzung, der rechte muss nachziehen“, lacht sie. Mit jedem Trainingstag wächst das Selbstvertrauen, mit jeder Landung schwindet die Angst. „Ich spüre, wie sich mein Körper wieder an das Fliegen erinnert – und das ist das beste Gefühl der Welt.“
Die Bilanz nach 426 Tagen Pause: ein Sprung, ein Lächeln, ein neuer Vorsatz. „Ich werde nicht mehr hinterherjagen, ich werde vorausspringen“, sagt Mikaelle Assani. Der Weg zurück auf die große Bühne beginnt auf einem kleinen Dorfplatz – und genau dort will sie wieder lernen, dass Sand keine Angst, sondern nur Flugbahn bedeutet.
