Amadio kämpft gegen krebs und für den regenbogen-trikot: „jeder tag ist eine neue etappe“
Roberto Amadio sitzt im San-Raffaele-Krankenhaus, gerade hat er seine 25. Strahlung hinter sich – und trotzdem redet er nur über 2028. Los Angeles, seine persönliche Schleife, wo er 1984 als Fahrer startete, soll 44 Jahre später der Ort werden, an dem Italien als Nation zurückkehrt. Dazwischen liegt ein Prostata-Tumor, den er sich wie eine Rundfahrt vorstellt: „Es gibt Bergetappen, an denen die Beine brennen, und Ruhephasen, in denen ich wieder attackieren kann.“
Die diagnose kam über die streckenposten
Der 62-Jährige spürte Anfang Oktober „ein Ziehen, das nicht von der Muskulatur war“. Sein langjähriger Arzt Roberto Corsetti schickte ihn sofort zur Urologie, Biopsie, Gleason-Score 7. „In der Radwelt kennen wir keine Pause-Taste“, sagt Amadio. „Also habe ich auf ‚weiter‘ gedrückt.“ Seitdem fährt er montags bis freitags zur Bestrahlung, danach ins Verbandbüro nach Rom. Die Hormontherapie löst heiße Wallungen aus, die er mit Handschuhen und Kappe kaschiert. „Die Jungs sollen mich als Chef sehen, nicht als Patienten.“
Die italienische Nationalmannschaft wartet seit Alessandro Ballans Triumph in Varese 2008 auf ein Regenbogen-Trikot. Seither nur Silber – Matteo Trentin, Yorkshire 2019. Amadio hat die Zahlen parat: 16 Jahre, 37 WM-Starter, null Sieg. „Das ist keine Durststrecke mehr, das ist eine Dürre.“ Er schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch, das klappert in der leeren Kantine. „Aber Trockenheit macht die Strecke schneller, wenn der Regen kommt.“

Der plan heißt: team mit großem t
Sein erster Einsatz als Commissario Tecnico wird die Tour of the Alps (20.–24. April). Er wird die jüngeren Fahrer nicht in Hotels einsperren, sondern mit ihnen auf die Terrasse des Team-Busses stellen. „Dort oben sieht man die Dolomiten. Ich will, dass sie die Rennen riechen.“ Namen fallen: Antonio Tiberi, der in Emiraten schon den Zitronenfalten von Dubai attackierte; Jonathan Milan, dessen Endgeschwindigkeit sich Amadio mit alten Cipollini-Videos vergleicht; Andrea Pellizzari, 21, der Red-Bull-Rookie, „dessen Blick schon jetzt so kalt ist wie ein Gletschersee“.
Amadio selbst fuhr 1987 eine Tour-Etappe von 260 km, wurde von Adrie van der Poel in letzter Sekunde weggeschickt. „Mathieu war noch nicht geplant“, lacht er. „Aber ich kenne das Gefühl, gegen einen Van der Poel zu verlieren. Deshalb weiß ich: Man muss früher angreifen, sonst wird man nie gewinnen.“

Die moral der geschichte steckt im sattel
Er spricht offen über PSA-Werte, um andere Männer über 50 zu provozieren. „Wenn einer nach dem dritten Bier sagt ‚Ach, ich hab keine Zeit für den Arzt‘, dann schicke ich ihm die Bilder meiner letzten Bestrahlung.“ Sein Vater starb an derselben Krankheit, deshalb lässt er sich selbst nicht aus der Reihe. „Prävention ist das einzige Maßband, das man selbst in der Hand hat.“
Am 27. September beginnt in Zürich die Straßen-WM. Amadio will dort nicht nur dabei sein, er will die Fahrer in den letzten 200 Metern durchs Funkgerät schreien. „Wenn wir bis dahin nicht gewonnen haben, ist es egal. Aber die Flamme muss brennen, damit 2028 kein Feuerwerk wird, sondern ein Dauerbrenner.“
Er drückt die Kappe fester auf den kahlen Schädel, steht auf. Die nächste Etappe beginnt in einer Stunde. „Krebs oder Pogacar – beide schlagen zu, wenn du zögerst. Ich kenne nur eine Antwort: in die Pedale treten, bis die Ziellinage kommt.“
