Alkoholverbot, wasserwerfer, abgesperrte stadt: cottbus bereitet sich auf das explosive ost-derby vor

19.000 Zuschauer, 2.000 davon in Blau-Weiß, ein Stadtring, der zur Sperrzone wird, und ein Alkoholverbot bis in die U-Bahn-Schächte hinein: Am Samstag schaltet Cottbus für 90 Minuten Fußball in den Ausnahmezustand. Energie Cottbus empfängt Hansa Rostock – ein Drittliga-Spiel, das die Polizei schon Wochen im Kalender rot markiert hatte.

Die Fanlager hassen sich, das haben sie auf Telegram, in Choreografien und in vermummten Handyvideos schon oft genug bewiesen. „Die Kommunikation ist eindeutig“, sagt Maik Kettlitz, Sprecher der Polizeidirektion Süd. „Körperverletzung, Steinwürfe, gezielte Jagd auf Gegenhools – alles schon dagewesen.“ Deshalb gilt das Spiel als Risikospiel Kategorie 4, die höchste Stufe im DFB-Katalog. Konsequenz: Der komplette Innenstadtverkehr wird umgeroutet, die Bundespolizei patrouilliert in jedem Regional-Express zwischen Neustrelitz und Cottbus, und auf dem Stadtring stehen Wasserwerfer bereit – nicht zur Dekoration, sondern zur Eskalationsabwehr.

Stadtring wird zur grauzone – nur für rostocker

Ab 9 Uhr morgens ist der Ring gesperrt – aber nur in eine Richtung. Rostocker Anhänger gelangen über die Straße der Jugend zum Parkplatz an der ehemaligen Chemiefabrik, ein 600-Meter-Korridor aus Stahlgittern und Pyrotechnik-Verbotszonen. Cottbuser Fans mümen sich aus Norden an die Arena heran, Fuß oder Rad ist Pflicht, Parkplätze gibt es nur an der Lausitz-Arena und am Behördenzentrum. Wer trotzdem mit dem Auto kommt, landet im 45-Minuten-Stau auf der B169 – dazu die Gartenmesse auf dem Messegelände, 8.000 Besucher schon ab 10 Uhr. „Zufall nennt das keiner mehr“, sagt ein Stadion-Mitarbeiter, „das ist Kollisions-Kalenderung.“

Alkohol? Fehlanzeige. Die Läden am Stadion dürfen keine Flaschen verkaufen, selbst das mitgebrachte Stadion-Bier ist nur noch ein 2,5-Prozent-Radler. Im Gästeblock gibt’s Wasser und Cola, dafür aber Extra-Toiletten, damit niemand ins Nachbarquartier abdriftet. Glasflaschen sind verboten, Pyrotechnik sowieso, und wer erwischt wird, fliegt raus – nicht nur aus dem Stadion, sondern aus ganz Brandenburg. Die Durchsuchungen beginnen bereits an den Bahnsteigen.

Die angst vor dem funken, der alles entzündet

Die angst vor dem funken, der alles entzündet

Die Statistik spricht gegen die Gewalt: In den letzten fünf Duellen gab’s 38 Platzverweise, zwei Spiele wurden unterbrochen, einmal flogen Bengalische Feuer auf den Rasen. Doch die Zahlen sind nur halbe Wahrheit. Die andere Hälfte spielt sich ab in WhatsApp-Gruppen mit Namen wie „Ost-Koordinaten“ oder „Tribüne Alte Liebe“, in denen sich Seiten aufrufen, welche U-Bahn man nehmen darf und an welcher Ecke man sich nicht blicken lassen sollte. Die Polizei liest mit. Deshalb stehen nicht nur Wasserwerfer bereit, sondern auch ein mobiles Analyse-Team mit Gesichtserkennung – erstmals in der 3. Liga.

Eintritt kostet 25 Euro, aber der Preis für den Frieden in der Stadt ist höher: 650.000 Euro kalkuliert das Innenministerium für den Einsatz von insgesamt 1.100 Beamten, das ist mehr, als Cottbus im Jahr für die Sanierung von Schulen aufwendet. „Sicherheit hat ihren Preis“, sagt Kettlitz, „aber der entstehende Imageschaden ist teurer.“ Denn egal wie das Spiel endet, die Nachrichten sind schon vorgefertigt: entweder „Gewaltfreies Ost-Derby“ oder eben nicht.

Pünktlich um 14 Uhr ertönt „Kohle unter unser’n Füß’n“, um 16 Uhr pfeift der Schiri ab. Dazwischen liegen 120 Minuten, in denen eine Stadt den Atem anhält. Cottbus will sich nicht mehr als Schauplatz von Randale-Filmchen etablieren, sondern als Fußballstadt, die auch mal friedlich feiern kann. Ob das gelingt, entscheidet sich nicht nur auf dem Rasen, sondern schon an den Gleisen, an den Ampeln und in den Köpfen von 2.000 Rostockern, die nur eins wollen: ihren Club als erstes wieder in die 2. Liga führen – und dafür sind sie bereit, durch eine abgesperrte Stadt zu marschieren.