Regragui wirft hin: marokko tauscht den wm-coach aus

Walid Regragui ist weg. Drei Monate vor dem WM-Auftakt in den USA, Kanada und Mexiko verlässt der 50-Jährige den marokkanischen Nationaltrainerposten – freiwillig, aber nicht unerwartet. Die Bombe platzte am späten Donnerstagabend in Rabat. „Die Mannschaft braucht ein neues Gesicht“, sagte er knapp, fast kalt. Dahinter steckt mehr als nur ein Routinewechsel.

Die wahrheit über den rücktritt

Bereits nach der Finalniederlage gegen Senegal im Februar hatte Regragui dem Verband seinen Kopf auf das Silbertablett gelegt. Die Führung um Präsident Faouzi Lekjaa versuchte ihn zurückzupfriemeln – vergeblich. Die 0:2-Niederlage im Afrika-Cup-Finale war für den Trainer kein Beinbruch, sondern ein Katalysator. Er wollte gehen, bevor man ihn gehen lässt. Und er wollte bestimmen, wann die Geschichte endet. Das tut sie nun, nach 45 Siegen in 67 Spielen, nach dem historischen Halbfinale 2022, nach der ersten Finalteilnahme seit 2004.

Die Spieler reagierten geschockt. Achraf Hakimi postierte auf Instagram ein Foto, das ihn mit Tränen in den Augen zeigt. „Du hast ein ganzes Land wachgeküsst“, schrieb der PSG-Verteidiger. Die Worte klingen nach Liebeskummer. Denn Regragui war nicht nur Chef, er war Vater, Psychologe und Taktik-Nerd in einem. Unter seiner Anleitung verlieh Marokko dem Begriff „Underdog“ eine neue Bedeutung.

Ouahbi übernimmt – mit mourinho-dna

Ouahbi übernimmt – mit mourinho-dna

Neuer Mann auf der Bank wird Mohamed Ouahbi. Der 43-Jährige führte die U20 zuletzt zum WM-Titel in Argentinien. Kein Zauberlehrling, sondern ein Siegertyp. „Ich muss nichts erfinden, ich muss nur weitermachen“, sagte er innerhalb von Minuten nach seiner Ernennung. An seiner Seite: Joao Sacramento, der bei Rom und PSG José Mourinhas rechte Hand war. Die Portugiesische Schule trifft auf marokkanischen Temperament – ein Experiment, das direkt auf der größten Bühne ausprobiert wird.

Verbandschef Lekjaa wollte eigentlich Xavi Hernández verpflichten. Der Ex-Barça-Coach lehnte ab – zu kurzfristig, zu riskant. Stattdessen griff man auf Plan B zurück. Ouahbi ist kein Notlösung, aber auch keine Galionsfigur. Er ist der Typ, der lieber zweimal nachlegt, statt lange zu reden. Seine erste Aufgabe: Brasilien, Schottland und Haiti zu knacken. Die Gruppe ist kein Todessatz, aber ein Pulverfass. Brasilien will Revanche für 2022, Haiti spielt seine erste WM – und Schottland hat mit Scott McTominay einen Mittelfeld-Raketenstart, der gerade in Topform ist.

Die stunde der wahrheit rückt näher

Die Uhr tickt. Noch 88 Tage bis zum Eröffnungsspiel in Atlanta. In Marokko spricht man nicht mehr vom „Goldenen Sommer“, sondern vom „Ouahbi-Test“. Die Erwartungen sind astronomisch, die Zeit kurz. Der neue Trainer muss eine Mannschaft vereinen, die sich gerade erst an ein neues System gewöhnt hatte – und muss sie nun wieder umbauen. Ouahbi setzt auf 4-3-3 mit hohem Pressing, Regragui liebte die Fünferkette. Ein Umdenken in kürzester Zeit.

Die Fans sind gespalten. Die einen feiern Regragui als Volkshelden, die anderen werfen ihm vor, die Nation im Stich zu lassen. In den Sozialen Medien kursiert das Hashtag #WalidKommZurück. Doch der Zug ist abgefahren. Ouahbi startet mit einem Freundschaftsspiel gegen Schweden in zwei Wochen. Dort wird sich zeigen, ob die „Löwen vom Atlas“ noch brüllen oder nur noch knurren.

Fakt ist: Marokko tritt bei dieser WM nicht mehr als Geheimtipp an, sondern als Pflichtfavorit. Der Druck ist größer als je zuvor. Und der Mann, der diese Last tragen muss, hat gerade erst das Abitur der U20 bestanden. Die sportliche Zukunft des Landes liegt nun in den Händen eines Trainers, der noch nie ein Senior-Spiel auf WM-Niveau gesehen hat. Das kann genial enden – oder katastrophal. Marokko würfelt mit offenen Karten. Die Welt schaut zu.