Aktivisten ziehen var-stecker - schiedsrichter macht 160 km sprung
Im zweiten deutschen Drittligaspiel Preußen Münster gegen Hertha BSC liefertesich Schiedsrichter Felix Bickel einen Kleinkrieg mit dem eigenen Monitor – und verlor. Sekundenbruchteil: Ein Vermummter schaltete den Rückspiel-Bildschirm aus, Bickel stand verdattert vor Schwarz, und die Entscheidung flog 160 Kilometer weiter nach Köln zu Kollegin Katrin Rafalski.
Die aktion war so simpel wie brisant
Bei einer Strafraumszene zwischen Niko Koulis und Michaël Cuisance bat der Video-Assistent den Unparteiischen zur Bildkontrolle. Was Bickel fand, war ein totes Gerät. Ein Aktivist mit grüner Strumpfmaske über dem Kopf hatte sich auf das Rasenband geschlichen, die Kabel gezogen und war im blockinternen Gedrängel wieder verschwunden. Parallel flatterte ein Banner: „Zieht dem VAR den Stecker!“ Die Szene dokumentiert, wie schnell man in Deutschland die Video-Technik lahmlegen kann – wenn man will.
Die Konsequenz: Rafalski entschied aus der Kölner Leitstelle auf Elfmeter für Hertha, Bickel musste die Entscheidung nur noch über Lautsprecher bestätigen. Er selbst hatte die Szene anders gesehen, durfte sich aber nicht mehr überzeugen. Der Referee agierte als Sprachrohr statt als Sportrichter – ein Novum selbst für DFB-Verhältnisse.

Traditionsfanatiker nutzten das mediale vakuum
Organisierte Fangruppen pochen seit Jahren auf Montagsspiel-Abschaffung und VAR-Abstellung. Die Aktion war kein Spaß, sondern ein Statement gegen „Entmündigung der Kurve“. Dass sie exakt in der 23. Minute geschah – also kurz nach der ersten hitzigen Szene – deutet auf akribische Vorbereitung hin. Die Polizei ermittelt wegen gefährlichen Eingriffs in den Spielbetrieb, das DFB-Sportgericht wird wohl Sanktionen gegen Münster prüfen.
Für die 2. Liga ist der Vorfall ein Warnschuss. Die Technik soll Unparteiischkeit erhöhen, wird aber zur Zielscheibe. Wenn ein einziger Steckerzieher ganze Spielszenen umpolt, fragt sich die Liga, ob neue Kabelbrücke oder besserer Kadereinsatz nötig ist. Kostenpunkt: rund 50.000 Euro pro Stadion für Panzerleitungen und Notstrom – eine Investition, die viele Klubs scheuen.
Hertha nutzte den Elfmeter zum 1:0-Sieg und festigte den Aufstiegsplatz. Doch der Sieg schmeckt bitter, weil ihn keine Bilder belegen. Preußen-Manager Mladen Krstajic wetterte gegen „mediale Wildwest-Methoden“ und kündigte Einspruch an. Ob dem stattgegeben wird, ist offen – die Beweislage liegt 160 Kilometer entfernt in Köln.
Die Liga wird nun prüfen, ob Sicherheitskräfte künftig direkt an den Monitoren postiert werden. Bickel selbst forderte im Refereekreis mehr „technische Autonomie vor Ort“. Sonst bleibt die Paradoxie: Der Schiedsrichter steht mitten auf dem Platz, aber die Macht sitzt in der Fernseh-Zentrale. Und ein grün maskierter Unbekannter bestimmt, wann sie zuhört.
