Aicher rast in are an die spitze – shiffrin patzt und verliert die weiße weste

110 Meter vor dem Ziel war Mikaela Shiffrin noch auf Kurs, doch dann rutschte ihr linker Ski weg, die Stöcke flogen, die Führung war weg. Sekunden später jubelte Emma Aicher im Ziel – 22 Jahre, Sundsvall, kein Weltcup-Sieg, aber jetzt Vierter im Riesenslalom von Are, 0,99 Sekunden hinter Julia Scheib und 1,02 Sekunden vor Shiffrin. Die Amerikanerin musste sich mit Rang 13 begnügen, ihre Führung im Gesamtweltcup schrumpft von 175 auf 120 Punkte. Fünf Rennen sind noch zu fahren, die Kugel ist offen.

Heimspiel mit kindheitsgedächtnis

Aicher kennt jede Schräge des Störtlopps. Hier fuhr sie mit 15 Jahren zur Schule, hier schlief sie in Gastfamilien, hier schraubte sie Bindungen für die Skigymnasium-Kollegen. „Ich wusste, dass der Hang am oberen Roll nichts verzeiht“, sagt sie, „deshalb bin ich gestern Abend noch einmal mit der Stirnlampe rauf, um die Spuren zu lesen.“ Ihre zwei Läufe waren keine Kunstwerke, aber konstant: 59,87 und 59,92 Sekunden, beide Male unter der kritischen 60-Sekunden-Marke. Das reichte für Rang vier – und für das erste Mal seit 2019 wieder eine Deutsche im vorderen Weltcup-Feld im Riesenslalom.

Die Reaktion war unverstellt: Arme hoch, Ski-Stöcke wie Fahnenstangen, ein Schrei, der über den Lautsprecher bis zur Tribüne schallte, wo ihre Mutter steht und heult. „Ich habe nur gedacht: Endlich“, sagt Aicher. „Endlich zeigt das Timing, dass ich nicht nur Slalom fahren kann.“ Denn bisher war ihr bestes Riesenslalom-Ergebnis Platz zehn, zuletzt in Killington 2023. Jetzt fehlt ihr nur noch eine Sekunde zum Podium – und 120 Punkte auf Shiffrin.

Scheib profitiert vom sturz der favoritin

Scheib profitiert vom sturz der favoritin

Julia Scheib aus Österreich sicherte sich die kleine Kristallkugel schon vor dem Finale. Die 26-Jährige gewann ihren fünften Riesenslalom dieser Saison, obwohl sie nach dem ersten Lauf noch hinter Camille Rast lag. Doch die Schweizerin rutschte im zweiten Durchgang in die Netze, Scheib fuhr konstant und holte 0,36 Sekunden Vorsprung vor Paula Moltzan (USA) und 0,75 Sekunden vor Alice Robinson (Neuseeland). „Ich wusste, dass ich es mental aussitzen muss“, sagt Scheib. „Aber als ich hörte, dass Camille raus ist, war die Kugel greifbar.“

Für Aicher bleibt die Erkenntnis: Die Spitze ist keine Insel mehr. „Wenn ich die Schwünge früher aufbreche und die Linie im Steilgelände flacher halte, bin ich nächstes Mal auf dem Podest.“ Trainer Christian Moser nickt: „Sie hat die Geschwindigkeit, sie muss nur noch die Ruhe.“

Am Sonntag steht der Slalom an. Aicher ist Startnummer 7, Shiffrin startet als Letzte. Dann entscheidet sich, ob die 22-Jährige aus Sundsvall die weiße Weste wirklich kippen kann. Die Saison ist jung, die Nerven blank – und Are war erst der Anfang.