80 Jahre, krank, aber nicht wegzudenken: lucescu jagt das letzte wunder

Mircea Lucescu sitzt auf der Bank, die Knie zittern, die Stimme ist nur ein Flüstern – und trotzdem schaut ganz Rumänien auf ihn. Vor dem Play-off-Halbfinale gegen die Türkei schickt der 80-Jährige seine Truppe in die letzte Schlacht um den Traum von der WM 2026. „Ich gehe nicht wie ein Feigling“, sagt er. „Ich glaube an die Qualifikation, solange ich atme.“

Krankenhaus statt trainingscamp – er blieb trotzdem

Die Ärzte rieten zur Ruhe, die Familie bat um Rücktritt. Lucescu hörte hin, nickte – und fuhr zur Nationalmannschaft. Was genau ihn zuletzt zweimal in die Klinik brachte, behält er im Vertrauen der Kabine: „Es geht nicht um meine Krankheit, es geht um 23 Spieler, die nie eine WM gespielt haben.“ Die Rumänische Fussball-Föderation suchte einen Notersatz, fand niemanden, der das Erbe des Rekordtrainers anzapfen wollte. Also blieb er, mit Infusionen in der Aktentasche und dem Spielplan im Kopf.

Seine Vita liest sich wie ein Geschichtsbuch des osteuropäischen Fussballs: 1970 als Kapitän bei der WM in Mexiko, später Meister mit Dynamo Bukarest, dann 30 Titel in fünf Ländern – von Inter Mailand bis Shakhtar Donezk. Doch das zählt für ihn nicht. „Ich will diesen Jungs das gleiche Gefühl geben, das ich 1970 hatte, als wir gegen Pelé spielten“, sagt er und deutet auf ein vergilbtes Foto an der Wand: sein junges Ich, Arm in Arm mit Gheorghe Hagi.

Die türkei steht zwischen ihm und dem letzten stück ewigkeit

Die türkei steht zwischen ihm und dem letzten stück ewigkeit

Am Freitag in Wien geht es gegen Vincenzo Montella, einen Schützling aus Lucescus Galatasaray-Zeit. Der Italiener nennt ihn „Profesör“, mit Respekt, aber ohne Gnade. Rumänien braucht einen Sieg, sonst bleibt die WM-Leere bestehen – seit 1998 war die Nation nicht mehr dabei. Lucescu hat die Analyse auf dem iPad, aber im Kopf trägt er Donezk: „Ich habe 2014 meine Wohnung verlassen mit dem Bild von Darijo Srna, der weint. Ich weiss, was Krieg bedeutet. Deswegen weiss ich auch, wie kostbar ein einzies Spiel sein kann.“

Die Spieler spüren das. Kapitän Nicolae Stanciu erzählt, wie Lucescu nach einer Niederlagenserie die Kabine betrat, das Licht ausmachte und 15 Minuten schwieg. „Dann sagte er nur: ‚Wenn ihr euch fürscht, fürsche ich mich mit euch.‘ Danach haben wir gewonnen.“

Medien, kritik, fake news – er hat die schnauze voll, bleibt trotzdem

Medien, kritik, fake news – er hat die schnauze voll, bleibt trotzdem

Lucescu wettert gegen die „Negativität der Klick-Könige“. Er liest keine sozialen Netze mehr, dafür jeden Spielbericht aus Liga 2. „Früher hast du einen Fehler gemacht, da schrieben drei Zeitungen. Heute macht ein 14-Jähriger ein Meme, und deine Mutter glaubt, du bist entlassen.“ Dennoch: Er will nicht weg. „Wenn ich jetzt aufhöre, bestätige ich den Hass. Ich blehe, bis der letzte Pfiff ertönt – oder der letzte Atemzug.“

Die Quote für ein rumänisches WM-Ticket liegt bei 4,75 – ein Wink des Buchmachers, der Lucescu schmunzeln lässt. „Ich habe mit 34,00 die Ukraine-Meisterschaft geholt. Wettquoten interessieren mich, wenn ich tot bin.“

Am Freitag wird Ernst-Happel-Stadion erwartungsvoll sein. 50 000 Rumänen, die seit Wochen ihre Autos mit Karopapier vollkleben: „Von Wien nach Weltmeisterschaft“. Lucescu steht in der Kabine, zieht die Kappe tiefer ins Gesicht und sagt den Satz, der in Bukarest bereits auf T-Shirts gedruckt wird: „Wenn wir qualifiziert sind, trage ich die Krawatte meines Vaters. Der hat 1970 mit mir geweint. Jetzt weinen wir noch einmal – vor Glück.“

Danach will er endlich in den Ruhestand – vielleicht. Erst einmal wartet das letzte Training. Und Lucescu wird dabei sein. Mit klappernden Knochen, aber mit lautem Herzen.