23 Rote karten nach finale in belo horizonte: brasiliens fußball schlägt wieder in gewalt um

Was nach einem 1:0-Sieg von Cruzeiro gegen Atlético Mineiro begann, endete mit einer Bildergalerie, die Brasiliens Fußball erschüttert: 23 Spieler flogen nach einer Massenschlägerei vom Platz – ein Rekord, der selbst im Land der fünfmaligen Weltmeister für offene Münder sorgt.

Die Schlagzeile ist so verrückt wie die Szene selbst. In der 97. Minute war Christian, Stürmer von Cruzeiro, zu zögerlich im Zweikampf gegen Atlético-Keeper Everson. Der revanchierte sich mit einem Schubser, kniete sich anschließend auf seinen Gegner – und zündete damit das Pulverfass. Ersatzbank gegen Startelf, Kung-Fu-Kick gegen Faustschlag, alles mischte sich, bis die Militärpolizei zwischen die Fronten eilte.

Referee candançan verteilt nachträglich 23 rote karten

Referee candançan verteilt nachträglich 23 rote karten

Matheus Delgado Candançan stand mitten im Tumult, konnte auf dem Rasen aber keine Karte zeigen – zu dicht gedrängt war das Gewühl, zu laut der Tumult. Stattdessen arbeitete er sich Stunde um Stunde durch die Videoaufzeichnung, identifizierte 23 Akteure, die „Schläge und Tritte gegen Gegenspieler“ ausgeteilt hatten. Elf bei Atlético, zwölf bei Cruzeiro, darunter Torschütze Kaio Jorge und Ex-Nationalspieler Hulk, der sich nach dem Match selbst rechtfertigte: „Wenn man sieht, wie ein Mitspieler angegriffen wird, reagiert man automatisch.“ Zum Referee fügte er hinzu: „Ich sagte ihm schon vor Anpfiff, dass Ärger kommt – er hatte keine Persönlichkeit.“

Die Zahre spricht Bände: 23 Rote Karten in einem einzigen Spiel – so viele zeigte noch kein Schiedsrichter in der Geschichte brasilianischer Profiligen, weder in Série A noch in den regionalen Pokalendspielen. Die Statistikportale müssen ein neues Dropdown-Menü einführen, die Disziplinarabteilung der Confederação Brasileira de Futebol (CBF) schaltete bereits ein internes Ermittlungskomitee ein.

Doch die Frage ist längst nicht nur sportlicher Natur. Die Bilder aus dem Mineirão gingen um die Welt und erinnerten an jene Schmach von 2014, als Brasilien im WM-Halbfinale gegen Deutschland mit 1:7 unterging – auch damals stand Hulk auf dem Platz, auch damals endete eine Nation mit offenem Mund vor den Fernsehern. Diesmal ist das Debakel nicht sportlicher Natur, sondern gesellschaftlich. Brasilien ringt mit Gewalt in Stadien, mit Polizeieinsätzen, mit einem Fanlager, das sich zunehmend radikalisiert.

Die Konsequenzen sind bereits in Arbeit: Geldstrafen für beite Klubs, Sperren für einzelne Spieler, mögliche Geisterspiele. Aber die eigentliche Frage bleibt: Wie konnte es soweit kommen, dass ein Finale um die Campeonato Mineiro – ein Titel, der in der Vergangenheit große brasilianische Spieler hervorbrachte – zum Schauplatz einer Prügelei wird, die man sonst aus Hooligan-Filmen kennt?

Die Antwort liegt in einer Mixtur aus Eskalation und fehlender Präsenz. Candançan verlor spätestens nach dem Schubser von Everson die Kontrolle, die Assistenten waren mit Abseitsentscheidungen beschäftigt, die vierte Offizielle zu weit weg. Die Spieler spürten das Machtvakuum und füllten es mit Fäusten. Die Militärpolizei stand zwar bereit, aber auch ihre Intervention kam zu spät, um die Imageschäden zu verhindern.

Für Cruzeiro bleibt der Pokal in der Vitrine, aber der Triumph schmeckt nach Metall. „Wir haben gewonnen, aber niemand spricht über das Tor“, sagte ein Vereinsfunktionär, der namentlich nicht genannt werden wollte. „Stattdessen fragen alle, wie viele von unseren Jungs als Nächstes vor Gericht landen.“ Bei Atlético Mineiro tobt der Sturm der Enttäuschung. Die Niederlage ist eine Nebenrolle, der Rufschaden das Hauptthema. Sponsoren prüfen Ausstiegsklauseln, Fanforen diskutieren Mitgliederrücktritte.

Brasilien selbst steht erneut vor dem Spiegel. Die Seleção will 2026 in den USA den sechsten Stern holen, doch solange auf heimischen Plätzen Faustkämpfe die Nachrichten beherrschen, wirkt der Traum von Fairplay und Fußball-Fiesta wie ein Relikt aus vergangenen Tagen. Die 23 roten Karten sind ein Mahnmal – und eine Warnung, dass der Sport nicht automatisch besser macht, was die Gesellschaft kaputt hinterlässt.

Der Countdown läuft: Die CBF hat sieben Tage Zeit, um Revisionen und Berufungen zu prüfen. Die Spieler drohen Sperren zwischen vier und zwölf Partien, die Klubs Zahlungen im sechsstelligen Real-Bereich. Doch selbst wenn die Strafen verhängt werden, bleibt die Erinnerung an jene Minuten in Belo Horizonte – und an die Erkenntnis, dass Rekorde nicht immer etwas sind, worauf man stolz sein sollte.