196 Parasportler drängen den bund: 200 förderplätze oder der traum platzt
Die Zeichen stehen auf Konfrontation. Kaum 48 Stunden vor der Eröffnung der Paralympics in Mailand/Cortina knallen 196 deutsche Spitzensportler den Daumen auf den Tisch: 200 statt 168 Förderplätze – sofort und langfristig gesichert. Die Kosten? Ein Spitzenwert von 400 000 Euro, weniger als ein Promille des Bundesetats für Spitzensport.
Anna-lena forster und anja wicker führen den aufstand an
Unter den Unterschriften finden sich keine Randfiguren. Anna-Lena Forster, vierfache Paralympic-Siegerin im alpinen Ski, und Anja Wicker, Doppel-Weltmeisterin im Nordischen, treibt dieselbe Fruststimmung an: „Wir starten als Team, aber nur 168 von uns gelten als förderungswürdig. Die restlichen 30 sind Luftnummern – sportlich da, finanziell Luft.“
Das System nagt an der Substenz. Wer nicht auf der Liste steht, zahlt selbst für Physiotherapie, Material, Reisen. Der Bund spricht von Inklusion, meint aber Excel-Tabellen. Die Folge: Talente brechen weg, bevor sie medaillenreif sind.

Elena semechin legt den finger in die wunde
Elena Semechin, zweifache Paralympics-Siegerin im Schwimmen, formuliert das Dilemma ohne Zuckerwatte: „Wer Parasportler fördert, kauft keine Medaillen, sondern Sichtbarkeit. Wer spart, versteckt uns wieder in Nischen.“ Ihre Rechnung: 400 000 Euro entsprechen rund 0,17 Prozent der 350 Millionen, die der Bund 2026 für Sport locker macht.
Die Athletenvertreter lassen keine Ausrede offen. Sie liefern Zahlen, Prozentpunkte, Vergleiche. Alles spricht für sie. Doch der Haushalt ist längst gegossen. Wer jetzt nachbessern will, muss den Rotstift woanders ansetzen – oder endlich akzeptieren, dass Gleichstellung kein Bonus, sondern eine Schuld ist, die Deutschland seit 2009, als die UN-Behindertenkonvention in Kraft trat, abträgt.
Der Countdown läuft. In 72 Stunden fällt der Startschuss in Cortina. Die Sportler stehen bereit, ihre Startnummern sind genäht, die Ski gewachst. Nur die Planstellen fehlen. Wer jetzt nicht handelt, verschenkt nicht nur Podestplätze, sondern signalisiert 83 Millionen Menschen: Minderwertigkeit lässt sich budgetieren.
Die Athleten haben gesprochen. Das Podium ist aufgebaut. Das Mikro ist live. Jetzt ist der Bund am Zug – und er hat keine 400 000 Euro, sondern den Ruf einer ganzen Sportnation auf dem Gewissen.
