1860 München schielt nach oben: nebel-tor gegen aue entfacht aufstiegsträume

Im dichten Giesinger Nebel schlug Sigurd Haugen den Ball ins Tor – und die Löwen erwachten. Mit dem 2:1 gegen Erzgebirge Aue hat der TSV 1860 München am Dienstag seine vierte Pflichtpartie in Serie gewonnen und springt auf Tabellenplatz fünf. Nur zwei Zähler trennen die Münchner vom Relegationsrang. Nach neun Jahren Drittliga-Alltag riecht es plötzlich nach Zweitliga-Zukunft.

Männels blackout wird zur weichenstellung

Der Moment, der alles in Bewegung setzte, war kein kunstvoller Angriff, sondern ein Stolperer. Aues Martin Männel, sonst sicher wie ein Geldschrank, verließ seine Linie, verpasste Voets halbhohe Hereingabe und sah Haugen per Aufsetzer vollstrecken. Die Grünwalder Straße tobte, der Keeper schlug die Hände über dem Gesicht zusammen. „So ein Geschenk bekommt man nicht zweimal“, sagte Haugen später mit nordischem Understatement. Für den Stürmer war es das zweite Siegtor innerhalb von acht Tagen – beide Male entschied er die Partie.

Die Szenerie passte ins Bild: Durch den Nebel war die Sicht auf den Rasen kaum zehn Meter weit, die Stadionlaterne warf diffuse Schatten, und die Fans sangen sich gegenseitig an, als wären sie in einer Parallelwelt. Dass genau in diesem Dunst die Hoffnung aufkeimt, wirkt wie ein Drehbuch. Denn seit Trainer Markus Kauczinski im Oktober das Ruder übernahm, hat kein Drittligist außer Hansa Rostock mehr Punkte gesammelt als die Löwen.

Kauczinski hat den kniff gefunden

Kauczinski hat den kniff gefunden

Der Coach spricht kein Marketing-Deutsch. „Wer jetzt nicht brennt, soll woanders spielen“, sagte er vor der Partie – und wurde erhört. Seine Mannschaft presst früher, schaltet schneller und nutzt die Grünwalder Heimstärke gnadenlos aus: neun Spiele, nur eine Niederlage, 1,93 Tore im Schnitt. Die Defensive steht seit zehn Spielen nicht mehr ohne Gegentor da, dafür aber mit der zweitbesten Bilanz der Liga. In der sogenannten „Kauczinski-Tabelle“ liegt 1860 hinter Rostock auf Rang zwei. Die Zahlen sind lauter als jedes Aufstiegs-Manifest.

Die personelle Situation half mit. Kevin Volland liefert Tore, Florian Niederlechner gibt den Abräumer, doch der Unterschied ist kollektiv: Die Laufleistung stieg um durchschnittlich 1,3 Kilometer pro Spiel, die Zweikampfquote kletterte auf 53 Prozent. „Wir haben gelernt, dass Schönheit zweitrangig ist“, sagt Kauczinski. Die Punkte zählen, nicht die Poesie.

Auswärts noch der stolperstein

Auswärts noch der stolperstein

Realistisch bleibt der Blick dennoch. Die restlichen elf Spiele gliedern sich in zwei Blöcke: Heimspiele gegen direkte Konkurrenten wie Wehen Wiesbaden sowie Auswärtstermine in Duisburg, Cottbus und Verl. Genau dort, wo der TSV unter Kauczinski nur 1,31 Tore schießt, könnte die Saison entschieden werden. Das letzte Aufeinandertreffen in Verl endete 2021 mit einem 1:3 – und mit Tränen auf Seiten der Löwen. Am 16. Mai könnte sich die Geschichte wiederholen, diesmal mit Happy End oder erneutem Albtraum.

Bis dahin fordert der Trainer eine mentale Härte, die sich schon gegen Aue zeigte: Nach dem Führungstor kippte die Partie kurz, Aue glich durch Bussmann aus. Doch statt zu wackeln, schoben die Münchner das Spiel wieder in die Spur. „Wir haben gelernt, nicht mehr wegzulaufen, wenn es eng wird“, sagt Kapitän Phillipp Steinhart. Die Fans sangen bis in die Nacht hinein, die Spieler bedankten sich mit Händeschütteln am Zaun. Die Szene erinnerte an alte Zeiten, als 1860 noch in der Bundesliga spielte.

Die Rechnung ist simpel: Gewinnt der TSV die Heimspiele und holt in den Auswärtsspielen mindestens vier Punkte, dürfte der Relegationsplatz kaum zu halten sein. Die Konkurrenz um Duisburg, Verl und Cottbus schielt ebenfalls nach oben, aber keiner hat die Heimmacht der Löwen. Die Quote spricht für sich: 2,33 Punkte pro Heimspiel unter Kauczinski – kein Drittligist ist besser.

Am Freitag gastiert Unterhaching im Derby. Schon wieder so ein Spitzenspiel, schon wieder so eine Zäsur. Gewinnen die Löwen, wären sie zumindest für 24 Stunden auf Rang drei. Der Nebel mag sich gelegt haben, die Sicht ist klar: München diskutiert nicht mehr über den Klassenerhalt, sondern über den Wiederaufstieg. Und in der Grünwalder Straße wissen sie: So eine Chance kommt nicht alle Tage. Wer jetzt nicht zubeißt, verpasst das große Los.