0,006 Sekunden retten taubitz vor fräbel – deutsches doppel-triumph in altenberg
Ein Atemzug, ein Herzschlag, ein Riesenjubel: Julia Taubitz sichert sich mit einem Foto-Finish-Vorsprung von 0,006 Sekunden den Gesamtweltcup, während Merle Fräbel den letzten Saisonlauf in Altenberg dominiert. Die deutschen Rodlerinnen lieferten sich ein Drama, das selbst Zuschauer mit Stahlnerven an die Grenze brachte.
So knapp war's noch nie: die zählung live mitverfolgt
Als Taubitz nach ihrem Lauf die neue Bestzeit aufstellte, wirkte ihre Miene noch entspannt. Sekunden später, beim Blick auf die Zwischenzeiten der Lettin Kendija Aparjode, wurde es ernst. Der Abstand schrumpfte, die Daumen gingen hoch – und dann der Knall: Aparjode landet hinter Taubitz, Fräbel gewinnt das Rennen, trotzdem reicht es für die 28-jährige Sachsin zum fünften Gesamtsieg in Serie. „Meine Beine haben gezittert wie Espenlaub“, sagte Taubitz, während ihre Familie am Band schon „Ju-li-a“ skandierte.
Der Endabstand von vier Punkten liest sich lapidar, war aber das Ergebnis einer Saison, in der sich beide Athletinnen auf Augenhöhe bewegten. Fräbel holte vier Sprintsiege, Taubitz setzte dagegen auf Konstanz und fuhr nur einmal außerhalb des Podestes. Die Zuschauer in Altenberg erlebten ein Lehrstück über Nervenkraft: Wer in 51,7 Sekunden die Eiskurve perfekt trifft, kann die Saison neu schreiben – wer 0,007 Sekunden später kommt, wird zur Nebendarstellerin.

Was dieses duell für den sport bedeutet
Erstens beweist das Fotofinish, dass Rodeln keine Glücksdiskussion ist, sondern Millimeterarbeit. Zweitens zeigt sich: Das deutsche Nachwuchsprogramm trägt Früchte. Mit Anna Berreiter und Jessica Tiebel stehen bereits neue Verfolger bereit, die das Niveau weiter nach oben treiben. Drittens: Die internationale Konkurrenz schläft nicht. Aparjode, die Österreicherin Madeleine Egle und die US-Amerikanerin Summer Britcher liefern Woche für Woche Quotenzeiten – ein Vorteil für die TV-Rechte, ein Stressfaktor für die Athletinnen.
Doch zurück an die Bande von Altenberg. Dort stand Bundestrainer René Spies, der normalerweise emotionsarm analysiert, diesmal mit glasigen Augen. „Wenn du siehst, wie sich zwei deutsche Sportlerinnen so pushen, dass sie am Ende gemeinsam die Siegerehrung bestreiten, das ist keine Taktik, das ist reiner Sportsgeist“, sagte er. Und weiter: „0,006 Sekunden klingen nach Zufall. Aber die liegen im Material, in der Reaktion auf Windböen, in der Auflage der Kufen. Das ist gelebte Wissenschaft.“
Die Statistik jedenfalls ist gnadenlos: Taubitz hat jetzt sechs Gesamtweltcups, nur Silke Kraushaar-Pielach und Tatjana Hüfner haben mehr. Fräbel führt die Jahreswertung mit 726 Punkten an, könnte aber schon nächste Woche wieder angreifen, wenn die Planungen für die Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina beginnen. Dort will sie die 0,006 Sekunden zurückholen – und Taubitz weiß, dass sie schon wieder mit offenem Visier starten muss.
Die Saison ist vorbei, der Countdown läuft. Wer jetzt denkt, Rodeln sei gemütliches Herunterrutschen, hat die Rechnung ohne die deutschen Dauerbrenner gemacht. Die nächste Eisrunde beginnt in 200 Tagen, die Uhr läuft bereits. Und diesmal werden sich alle auf die Deutschen konzentrieren – besonders auf diese zwei, die sich gegenseitig auf Weltrekordniveau treiben.
