Spanische löwen starten neue ära – belgien wartet im elfmeterschuss

Samstag, 16 Uhr, El Cantizal. Die spanischen Löwen wollen den Anfang machen, doch diesmal knirscht es im Getriebe. Gegen Belgien – einst sicheres Punktegeschenk – droht erstmals seit Jahren ein K.o., bevor das Turnier richtig rollt.

Warum dieses auftaktspiel mehr ist als nur ein test

Warum dieses auftaktspiel mehr ist als nur ein test

Die Zahlen lügen nicht: Vor drei Jahren hätte der Rugby Europe Women’s Championship 2026 in Madrid noch mit 50-Punkte-Kantern begonnen. Heute reicht Spanien ein 27:17 gegen die Niederlande, um sich selbst zu beruhigen. Die Differenz schmilzt, die Gegner reifen, und der neunten Titel in Folge wohnt plötzlich Unsicherheit inne.

Règis Sonnes, der neue Chef, weiß das. Er kommt vom irischen Bandon RFC und trägt keine rosarote Brille mit. „Spanien versteckt das größte Geheimnis des Sports“, sagte er dem Irish Examiner – und meinte damit nicht den Siegeszug, sondern das Potenzial, das sich hinter maroden Strukturen versteckt. Seine Mission: ein Kollektiv aufbauen, das 2029 bei der WM nicht nur dabei ist, sondern mithalten will.

Die Liste der 23 wirft ein Schlaglicht auf diese Strategie. Drei Teenager – Goreti Barrutieta, Gaia Tartinville, Lara Cook – sitzen direkt im Kader, statt in der U20 zu verharren. Dafür fehlt María Ribera „Bimba“ Delgado, die Ikone, die nach dem Weltcup das Mikrofon fallen ließ. Ihr Weggang hinterlässt ein Vakuum, das Lourdes Alameda mit 45 Länderspielen als Kapitänin füllen muss – und das tut sie mit der Coolness einer Spielmacherin, die schon alles gesehen hat.

Die Startformation liest sich wie ein Kompromiss aus Erfahrung und Jugend. Vorne Eider García und Nuria Jou, die die Sturmreihe formieren. Hinten Binbing Vergara und Naroa Azpitarte, ein Doppel, das noch gemeinsam auf dem Schulhof von Getxo stand. Dazwischen Amaia Erbina, zurück aus dem Siebener-Circus, bereit, ihre Geschwindigkeit in 80 Minuten zu entladen.

Doch der Gegner schläft nicht. Belgien hat in den letzten 24 Monaten fünf Länderspiele in Serie gewonnen – davon zwei gegen die Niederlande, die Spanien nur noch mit Mühe besiegte. Die Rothosen bringen eine Physik mit, die früher spanisches Markenzeichen war: mobile Sturmzangen, zweite Welle mit Ballast. Trainer Philippe Mulders verlangt von seiner Mannschaft, „die Löwen in ihrem eigenen Zoo zu ärgern“. Ein Satz, der in Madrid für zusätzlichen Druck sorgt.

Der Andrang ist groß: 3.000 Tickets wurden binnen 48 Stunden vergeben, RTVE Play rechnet mit Rekordzahlen im Livestream. Der Verband will das Image des Frauenrugbys polieren, der Sponsor will Sichtbarkeit. Die Spieler wollen einfach nur beweisen, dass der Sieg gegen Portugal (7:19) kein Ausrutscher war, sondern die neue Realität.

Entscheidend wird die erste Viertelstunde. Spanien muss früh punkten, sonst wächst das Selbstvertrauen der Belgierinnen. Dann droht ein Geduldsspiel, bei dem plötzlich jedes Gedränge zum Minenfeld wird. Sonnes hat den Mädchen eingetrichtert: „Spielt, als wärt ihr 0:0 hinten – bis der Schiri pfeift.“ Kein Schontag, keine Experimente. Der Zyklus beginnt mit dem ersten Pass.

Am Ende steht nicht nur ein Ergebnis, sondern ein Statement. Gewinnt Spanien deutlich, schickt es ein Signal an die restliche Gruppe. Gewinnt es knapp, liefert es Beweise für die These, dass Europa zugelegt hat. Verliert es – die Löinnen würden sich in der Falle wiederfinden, aus der sie sich erst mühsam befreit haben. Die Rechnung ist simpel, die Ausführung wird zur Zerreißprobe.

Der Countdown läuft. In Las Rozas summt bereits der Druckenberger, die U15 des TSV Pelkum hat ihre Fahnen gesetzt. Wenn um 17.45 Uhr die Sonne hinter den Kastanien verschwindet, wissen wir, ob die neue Ära mit einem Sieg oder mit einem Fragezeichen beginnt. Die Antwort liefern 23 Frauen, die nichts zu verschenken haben – außer vielleicht ein paar gebrochene Rippen und ein bisschen Stolz. Mehr ist im modernen Rugby nicht nötig.