Sinner zieht in der wüste den kopf aus der schlinge – indian wells ist italienisch

35 Grad Hitze, zwei Stunden ohne Break, zwei Tiebreaks, ein Champion: Jannik Sinner hat in Indian Wells das Turnier seines Lebens gemacht und Daniil Medwedew mit 7:6, 7:6 niedergekämpft. Der 22-jährige Südtiroler trägt nun den ersten Masters-Titel nach Italien – und verkürzt im Ranking gleich mal den Abstand zu Carlos Alcaraz.

Der tag, an dem medwedews vorsprung verglühte

Er lag 4:0 im zweiten Tiebreak, ein Bein bereits in der Kabine. Dann schlug Sinner sieben Punkte am Stück ein. Ein Mini-Break, ein Return-Winner, ein Netzkante – das war kein Tennis mehr, das war ein Krimi. Medwedew, der sich über Dubai-Oman-Istanbul nach Kalifornien geflüchtet hatte, schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Er wusste: Diesmal ist der Russe der tragische Held, der Italiener der Regisseur.

Die Statistik dazu ist gnadenlos: 25 Karrieretitel für Sinner, 24 verpasste für Medwedew. Dazwischen liegen nur ein paar Zentimeter – und eine unglaubliche Serie von 19 Aufschlagspielen ohne Break im gesamten Finale. Wer hier einen Vorteil sucht, muss sich mit Lupe und Herzschrittmesser bewaffnen.

Zverev war nur das warm-up

Zverev war nur das warm-up

Vergessen ist das Halbfinale gegen Alexander Zverev, das Sinner in zwei lockeren Sätzen abwickelte. Es war die Vorstellung eines Mannes, der merkte: Die Wüste verzeiht keine Schwäche. Während andere über Sand und Hitze klagen, tankt Sinner Energie. Sein Team mischt Eiswürfel ins Trinkwasser, seine Schläge werden mit jeder Runde schärfer.

Das Turnier war ohnehin ein Festival der Umwege. Medwedews Reise durch Krisengebiete, die Verzögerung wegen des Nahost-Konflikts, die 35-Grad-Temperaturen – all das schien dem Russen zuzuspielen. Doch Tennis hat dieses schöne Gesetz: Die Dramatik stoppt nie vor dem letzten Punkt.

Italien erlebt einen sonntag, der in die annalen eingeht

Italien erlebt einen sonntag, der in die annalen eingeht

Sinner selbst weiß, dass er Teil eines größeren Bildes ist. „Ich bin überglücklich. Das ist heute ein ganz besonderer Tag für Italien“, sagt er – und spielt damit auf Kimi Antonelli an, der nur Stunden zuvor in Shanghai seinen ersten Formel-1-Sieg feierte. Ein Doppelpack aus Kalifornien und China, serviert in einem einzigen Sonntag. Die italienischen Sportredaktionen dürften heute Nacht kein einziges Mal umschalten.

Für Sinner war es der 100. Sieg bei einem der neun Masters – ein runder, wichtiger Wert. Er zieht damit auf Platz zwei der Weltrangliste näher an Alcaraz heran, der in der Wüste schon im Halbfinale scheiterte. Und er beweist: Das Halbfinale gegen Djokovic in Melbourne war kein Ausreißer, sondern die Generalprobe für eine Saison, die erst begonnen hat.

Medwedew muss sich mit dem Trostpflaster begnügen, wieder in den Top 10 zu stehen. Doch der 30-Jährige weiß: In der Wüste verblassen selbst die besten Geschichten im nächsten Sandsturm. Sinner hingegen fliegt nach Miami – und trägt den Masters-Pokal als Handgepäck. Das nächste Kapitel ist schon gebucht.