Simon eder zieht den stecker: österreich verliert seine schieß-maschine nach 23 jahren

Oslo – 550 Rennen, drei Siege, zwei Olympia-Silber – und jetzt Schluss. Simon Eder, 43, österreichischer Dauerbrenner mit der ruhigsten Hand im Weltcup, verkündete am Donnerstag auf Holmenkollen sein Karriere-Ende. Die Bombe folgt einen Tag nach Lisa Hausers Abschied – der ÖSV verliert binnen 24 Stunden seine beiden Identifikationsfiguren.

Der salzburger zögerte lange, aber die abnutzung siegt

„Mein Kopf ist willig, meine Gelenke nicht mehr“, sagte Eder nach dem letzten Schuss seiner 23. Saison. Der Junioren-Weltmeister von 2003 war stets die Konstante in einem Sport, der auf Millisekunden und Herzschlägen basiert. Seine Spezialität: das Schießen im liegenden Anschlag, 98 % Trefferquote in der Saison 2015/16 – ein Wert, den selbst norwegische Statistiker als „nicht menschlich“ kommentierten.

Doch Zahlen erzählen nur die halbe Wahrheit. Was Eder auszeichnete, war seine Fähigkeit, in windumtosten Loipen die eigene Atemfrequenz auf 28 Schläge pro Minute zu drosseln – ein Trick, den er sich während seiner Nachtschichten als Bäckerlehrling erarbeitete. „Wenn du um vier Uhr morgen Brötchen aus dem Ofen ziehen musst, lernt man, dass das Herz schneller wird, aber die Hand ruhig bleibt.“

Die entscheidenden sekunden in ruhpolding und pyeongchang

Die entscheidenden sekunden in ruhpolding und pyeongchang

Sein erster Weltcup-Sieg gelang ihm 2009 in Oberhof – 34 Sekunden Vorsprung trotz zwei Strafrunden. Die Bilder gingen um die Welt: Eder, der nach dem Zielsprung zu Boden fiel, die Arme ausstreckte und dabei sein Schießgewehr wie einen Trophäenstock hielt. Die zweite Silber-Medaille holte er 2018 im südkoreanischen Pyeongchang mit der Mixed-Staffel – ein Rennen, das er selbst als „Zen-Moment“ bezeichnete: keine einzige Nachladezeit, dafür 20 Treffer in 22 Sekunden.

Seine größte Niederlage? Die 2013 in Nové Město, als er als Führender ins letzte Schießen ging, dort aber fünf Mal daneben zielte und auf Rang 34 zurückfiel. „Ich habe danach drei Tage nicht gesprochen“, sagt er heute. „Aber diese Niederlage hat mich härter gemacht.“

Was österreich jetzt verliert – und was eder gewinnt

Was österreich jetzt verliert – und was eder gewinnt

Mit seinem Abtritt reiht sich der Salzburger in die Riege der Ausnahmeathleten ein, die den Biathlon in die Moderne trugen – weg vom reinen Ausdauersport, hin zur Mischung aus Präzisions- und Herz-Kreislauf-Disziplin. Für den ÖSV bedeutet das: 1.800 Starter-Weltcup-Punkte, 23 Jahre Erfahrung und unzählige Stunden Videoanalyse weg aus dem Lager. Der Nachwuchs schaut nun auf Philipp Horn und Felix Leitner, doch keiner von ihnen bringt Eders Kombination aus ruhiger Hand und taktischem Spürsinn mit.

Eder selbst will künftig als Schießtrainer arbeiten – und als Bäcker. „Ich werde wieder um vier Uhr aufstehen, aber diesmal backen meine Kunden die Medaillen“, scherzt er. Seine letzte Loipe wird heute Abend um 18:15 Uhr Ortszeit geflochten – und dann ist Schluss. Keine Nachladezeit mehr. Keine Herzschläge, die zählen. Nur noch Mehl, Wasser und Hefe. Und vielleicht ein kleiner Silberstreifen auf dem Brotlaib – als Erinnerung an 23 Jahre, in denen er die Scheibe öfter traf als jeder andere.