Shiffrin zieht mit 110 siegen und gold von calgary ins ziel – und will noch mehr
Mikaela Shiffrin hat das geschafft, wovon selbst ihre größten Bewunderer annahmen, es gebe irgendwann eine Grenze: 110 Weltcup-Siege, ein zweites Slalom-Olympiagold zwölf Jahre nach dem ersten – und dazu die größte Zeitlücke seit 1998. Die 31-Jährige aus Colorado schickt sich an, das Unmögliche zur Routine zu erheben.
Die zahlen, die sprechen
Neun Slalom-Siege in dieser Saison. Neunter Slalom-Weltcup. Sechster Gesamtweltcup. Und zum ersten Mal seit 2014 gewinnen die US-Girls den Nationencup. Shiffrin selbst nennt das „ein Dorf voller Unterstützer“. Die Liste der Dankbaren beginnt bei Mutter Eileen, endet bei den Kids, die in Park City auf Kunstschnee ihre ersten Schwünge üben.
Doch hinter den Rekorden schwingt ein anderes Narrativ mit. Shiffrin spricht offen über mentale Gesundheit, über den Tod ihres Vaters, über Phasen, in denen sie nur noch die nächste Abfahrt hinter sich bringen wollte. „Ich bin noch nicht fertig“, postet sie aus Calgary. Das klingt nicht wie Marketing, sondern wie ein Kampfansage an die eigene Müdigkeit.

Der slalom von calgary in 1:50 minuten
Die Final-Abfahrt lief wie ein Lehrbuchbeispiel: flüssiger Einstieg, aggressive Linie, 1,84 Sekunden Vorsprung vor Zrinka Ljutić. Die Kroatin schüttelt später den Kopf: „Ich habe alles rausgeholt, und sie flog trotzdem davon.“ Shiffrins Teamkollegin Paula Moltzan wird von Fans versehentlich als Mikaela umarmt – ein Verwechslungsmoment, der viral geht und zeigt, wie sehr die Amerikanerin mittlerweile die Marke selbst ist.
Interessant: Shiffrin fuhr mit neuen Stöcken, die 20 Gramm leichter sind. Materialchef Kirk Kappernick testete die Karbon-Bastonen seit November in Windkanälen. „Kleinere Details summieren sich“, sagt er. Auch die Ski stammen aus einer neuen Serie mit modifizierter Torsionssteifigkeit. Atomic-Ingenieure nennen das intern „Shiffrin-Edge“. Die Athletin selbst lacht: „Ich verstehe die Physik nicht, ich spüre nur, dass es funktioniert.“

Was jetzt kommt
Die Saison ist vorbei, das nächste Kapitel schon in Planung. Shiffrin will in den Speed-Wettbewerben angreifen, träumt von einem Kombinations-Globus, vielleicht sogar von einer Streif-Teilnahme. Kritiker mahnen, sie könne sich verzetteln. Shiffrin kontert mit einer Zahl: 14. Das sind die Podestplätze in Abfahrten, die sie seit 2020 holte. „Langsam, aber stetig“, sagt sie und klingt dabei wie eine Börsenhändlerin, die weiß, dass ihr Depot noch Luft nach oben hat.
Die größte Herausforderung aber bleibt die Balance. Sie plant weniger Rennen, setzt auf mentale Reset-Phasen mit Meditations-Apps und stippt zweimal pro Woche mit Sportpsychologin U.S.-Team in Denver. Partner Aleksander Aamodt Kilde, selbst frisch geheilt, reist ab sofort getrennt zu den Speed-Stationen. „Wir sind keine 24-Stunden-Couple mehr“, sagt Shiffrin. „Wir sind zwei Profis, die sich auf dem Weg treffen.“
Ein Blick auf die Vertragslage zeigt, dass Shiffrin auch wirtschaftlich aufstellt. Langjähriger Sponsor Barilla verlängerte bis 2027, neu hinzu kommt ein Tech-Start-up aus Seattle, das Datenbrillen für Skilehrer entwickelt. Ihre Social-Media-Reichweite: 1,4 Millionen Follower auf Instagram, 30-prozentiges Wachstum in diesem Winter. Marktexperten schätzen ihr jährliches Einkommen inklusive Boni auf 7,5 Millionen Dollar. Das macht sie zur bestbezahlten Skialpinistin aller Zeiten – und zum gefragten Gesicht für Olympia 2026 in Mailina-Cortina.
Shiffrin selbst bleibt cool. „Ich will nicht der Hammer sein, der alles zertrümmert. Ich will die sein, die neugierig bleibt.“ Spätestens wenn im Mai das Gletschertraining in Sölden beginnt, wird sie wieder da stehen, mit Sonnenbrille und diesem leicht schiefen Grinsen. 110 Siege? Sind nur die Halbzeit.
