Selina freitag schreibt in vikersund deutsche flug-geschichte – zweimal

227,5 Meter. Die Zahl klebt wie ein Einschlagloch im Schnee, als hätte jemand mit Kreide die Grenze des Möglichen markiert. Selina Freitag schwebt über den Vikersundbakken, hält die Arme in den Schneeregen, und in diesem Moment weiß sie: Der alte Rekord ist nicht nur gebrochen – er ist pulverisiert. 50 Minuten hielt er. Dann legt sie noch einmal 11,5 Meter drauf.

Der zweite Durchgang ist eigentlich ein Aufgalopp. Wind weht böig, die Jury unterbricht, wiederholt, bricht schließlich ab. Trotzdem steht der deutsche Rekord – und er steht auf 227,5 Meter. Es ist Sonntag, 9. März, kurz nach 15 Uhr Ortszeit. Die norwegische Fjordluft riecht nach Benzin und Adrenalin.

Der tag, an dem freitag zweimal geschichte schrieb

Im ersten Sprung war sie schon über 216 Meter geflogen, hatte damit Agnes Reischs frische Marke von 213,5 Meter aus dem Vorabend überholt. Reisch stand am Rand der Piste, klatschte, wusste: Die Nummer steht nicht einmal 24 Stunden. Dann kam Durchgang zwei. Freitag startete als Letzte, Abschiedsvorstellung für die Konkurrenz. Ihre Flugkurve war so flach, dass die Geschwindigkeitsanzeige 95 km/h zeigte – zwei mehr als nötig. Die Landung war weich, die Reaktion unmittelbar: Helm greifen, Mund offen, Teamkolleginnen Katharina Schmid und Anna Hollandt stürzen sich auf sie wie auf eine Stammkneipe, die gerade den Jackpot geknackt hat.

Die Punktewertung? Vergessen. Der Wettkampf wird abgebrochen, Rang zehn ist das Papierergebnis. Was bleibt, ist die Tatsache: Innerhalb von drei Tagen haben deutsche Skispringerinnen den nationalen Rekord um 25,5 Meter nach oben geschraubt. Vor dem Wochenende lag er bei 202 Metern – selbst aufgestellt von Freitag im Februar 2024. Jetzt ist sie ihre eigene Konkurrenz.

Die schanze, die aus menschen flugzeuge macht

Die schanze, die aus menschen flugzeuge macht

Vikersund ist kein Ort, es ist ein Katalog von Superlativen. HS 240, Anlauf 112 Meter, Neigung 36 Grad. Die Anlage teilt sich die Krone mit Planica, doch wer hier oben steht, spürt die Isolation noch schärfer. Kein Lärm, nur Wind, der durch die Schanzenkante pfeift wie durch ein offenes Flugzeugfenster. Für die Athletinnen ist das kein Sprung, das ist ein Start mit ungewissem Ziel. Die Flugzeit beträgt knapp acht Sekunden – genug, um sich zu fragen, ob der nächste Schritt überhaupt noch Erde berührt.

Katharina Schmid nutzte die Rampe für ihren letzten großen Auftritt. 201,5 Meter im ersten Durchgang – ihre erste 200er-Marke im Weltcup. Danach Tränen, keine Siegestränen, sondern Erleichterung. Im Sommer beendet die 29-Jährige ihre Karriere, Vikersund war ihr persönlicher Abschluss-Runway. „Ich wollte nur noch einmal so weit fliegen, dass ich mich selbst nicht mehr erkenne“, sagte sie. Der Wunsch ging in Erfüllung.

Was der wind berührt und was er weglässt

Was der wind berührt und was er weglässt

Die Norwegerin Eirin Kvandal gewinnt den Bewerb, die nur ein Durchgang zählt. 218 Meter reichen, dank besserer Noten in den Kategorien Flugstil und Längsstabilität. Nika Prevc, die slowenische Phänomen, wird Zweite, Anna Odine Strøm Dritte. Für sie ist Vikersund ein Trainingslager für den Weltrekord: 236 Meter, aufgestellt 2024, genau hier. Ihr Bruder Domen hält bei den Männern die Bestmarke mit 254,5 Meter – gesprungen in Planica, aber gemessen an dem, was in Vikersund möglich ist.

Freitag selbst will nach dem Abbruch nichts mehr vom Wettkampf wissen. „Ich hätte sofort wieder oben gestanden“, sagt sie im ZDF, die Stimme heiser vom Jubel. „Die Schanze lädt ein, man muss nur bereit sein, das Flugzeug abzugeben.“ Die Flugbahn war perfekt, die Landung sauber, der Rekord ist ihr. Was bleibt, ist ein Foto: drei Frauen in roten Overalls, umarmen sich auf einer verschneiten Piste, dahinter die Leuchtanzeige mit der Zahl 227,5 – eine Zahl, die für den Rest der Saison keiner mehr verbiegen kann.

Der nächste Stopp ist Planica. Der Weltrekord liegt 8,5 Meter weiter. Für Selina Freitag klingt das wie eine Einladung – und wie ein Flugplan, den sie sich selbst geschrieben hat.