Sein letzter löwen-ruf: karsten wettberg stirbt mit 84 – giesing verliert seinen könig
Der TSV 1860 trauert nicht einfach nur. Er verliert ein Stück eigene DNA. Karsten Wettberg, der „König von Giesing“, ist tot. 84 Jahre, sieben Monate, drei Tage – und eine Unendlichkeit voller Geschichten, die am Sonntag endeten.
54 Spiele ohne niederlage – und dann der freie fall
Februar 1990 bis Juni 1991: 54 Pflichtspiele in Serie blieb Wettbergs Löwen-Maschine ohne Pleite. Die Bayern-Liga wurde geschluckt, die 2. Bundesliga erreicht. Der Rathaus-Balkon war voller Bürgermeister-Küsse, der „König“-Titel wurde geprägt. Doch der Aufstieg war ein Feuerwerk, das zu schnell verglühte. Direkt wieder runter. Keiner schob ihm die Schuld zu – er war zu sehr Vaterfigur, zu sehr Querdenker, zu sehr Sechzger.
Während andere Trainer mit Champagner-Budget planen, nahm Wettberg den Dienstbrief der Post mit zur Halbzeitansprache. Bis 2002 blieb er Oberamtsrat, holte nebenbei 52 (!) Titel – mal mit Haching, mal mit Regensburg, mal mit Augsburg. Die Trophäen standen im Flur, die Akten im Auto.

77 Jahre alt und noch immer stärker als ein drittligaprofi
2018 ließ sich der damals 77-Jährige für „Liegestützen für den guten Zweck“ auf die Matte legen. Gegen Andreas Buchner, 44 Jahre jünger. Wettberg gewann. Kein PR-Gag, sondern eine Ansage: Alter ist eine Zahl, Einstellung ist eine Waffe. Das Bundesverdienstkreuz hatte er schon 2006 in der Tasche, 2007 saß er als Vizepräsident im Grünwalder Stadion – kurz, hemdsärmlig, unbequem.
Scouts sahen ihn später mit Zipfel-Mütze auf der Tribüne notieren. Ehrenamtlich. „1860 ist wie Rauschgift“, sagte er einmal. Wer es einmal geschnupft hat, kommt nicht mehr los. Er kam nicht los. Auch als die Knie nachgaben, als das Herz flatterte, als die Stimme leiser wurde.

Am samstag tragen die löwen trauerflor – und dann wird weitergekämpft
Kurz vor dem Anpfiff gegen Waldhof Mannheim (Samstag, 14 Uhr, Live auf kicker) wird der Grünwalder Rasen still sein. 13 Sekunden Applaus stehen im Protokoll, danach wird gebrüllt. Genau das wollte Wettberg: Keine Minute Trauern, 90 Minuten Leben. Seine Tochter wird winken, die Kurve wird „König“ rufen, und irgendwo zwischen Tribüne und Trainerbank wird ein Platz leer bleiben – aber nicht in den Köpfen.
Er hat nichts bereut. „Alles in bester Absicht“, sagte er. Und weil er sein Leben lang den Mund nicht hielt, schweigt jetzt Giesing – nur kurz. Dann erzählt es weiter, was Wettberg ihm eingebrockt hat: dass Löwen sein ansteckend ist, dass Fußball mehr ist als Liga-Punkte, dass ein König nie wirklich stirbt, wenn die Kurve sein Lied weiter singt.
