Schweinsteigers bauchgefühl: 4:3-sieg reicht nicht fürs wm-endspiel
Stuttgart – 20.54 Uhr, ARD-Livebild. Bastian Schweinsteiger sitzt ein Stück schräger im Studiostuhl, als er das 4:3 gegen die Schweiz kommentiert. „Ich bin mit gutem Gefühl ins Bett“, sagt Moderatorin Esther Sedlaczek und zitiert ihn. Dann kommt der Haken: „Aber mit komischem Bauchgefühl aufgewacht.“ Schweinsteiger springt sofort an: „Du auch?“ Die Antwort ist ein halb lachendes „Naja …“ – und schon ist das Gespräch auf dem Weg in jene Zone, die nur dieses Duo besetzt.
Der moment, als sedlaczek die angst aussprach
Was folgt, ist kein flaches Smalltalk-Rund, sondern die Quintessenz aus 113 Länderspielen und jahrelanger Pressetauglichkeit. Schweinsteiger redet nicht über Torschüsfe oder Ballbesitz, sondern über drei Gegentore, die wie ein Splitter unter der Haut sitzen. „Wir haben vier geschossen, kriegen drei. Gegen Ecuador, Elfenbeinküste oder im Achtelfinale reicht das nicht“, sagt er. Der Satz fällt leise, fast nebenbei, aber er trifft mitten in die Deutsche Fußball-Angst, die seit Russland 2018 kein Sommermärchen mehr kennt.
Julian Nagelsmann hatte vor dem Testspiel betont, die Defensive sei „ein Arbeitsfeld“. Das Feld ist nach 90 Minuten noch nicht bestellt. Die Schweizer liefen dreimal durch die zentrale Schnittstelle, wo Jonathan Tah und Antonio Rüdiger sich kurz verwalteten. Kein Riesenfehler, nur kleine Staffelungsfehler – doch genug, um Schweinsteigers Alarmglocken zu triggern. „Wir sind die bessere Mannschaft, ja. Aber besser heißt nicht automatisch sicher“, sagt er und drückt sich auf dem Tisch fest, als wolle er die Ungleichung selbst in den Schreibtisch meißeln.

Die zahlen, die hinter dem gefühl stecken
Deutschland erlaubte 1,23 erwartete Tore (xGA) – ein Wert, der sich gegen WM-Gegner verdoppeln kann, wenn die Spielgeschwindigkeit steigt. Die letzten fünf Turnierniederlagen begannen alle mit einem Standard, den niemand wegfaustete. Schweinsteiger weiß das, Sedlaczek auch. Deshalb schweigt sie einen Moment, als er fragt: „Reicht das so?“ Die Frage bleibt im Raum, weil die Antwort erst in Katar steht – oder schon morgen gegen Ghana.
Die ARD sendet weiter, das Stadion ist leer, aber das Gespräch läuft noch. Schweinsteiger zieht die Brauen hoch, Sedlaczek lacht nicht mehr. Beide wissen: Ein 4:3 kann ein Sieg sein und trotzdem eine Warnung. Die deutsche Geschichte der letzten Jahre liest sich wie ein Katalog solcher Siege. Der nächste Schlaf wird wieder mit gutem Gefühl beginnen. Ob er ohne Bauchschmerzen endet, entscheidet nicht die Torschussstatistik, sondern ein einziger Verteidigungsschritt in der 83. Minute eines Spiels, der noch gar nicht terminiert ist.
