Scheib kann in åre geschichte schreiben – österreichs rtl-fluch vor dem ende

Ein einziger Lauf trennt Julia Scheib von der Kristallkugel, die Österreich zuletzt vor zehn Jahren in Frauenhand war. Am Samstag in Åre reicht der Steirerin ein Platz unter den ersten fünf, um sich die Riesentorlauf-Wertung vorzeitig zu sichern – und die ÖSV-Dürstrecke zu beenden.

Die zähler vor dem showdown

89 Punkte Vorsprung auf Camille Rast, 131 auf Sara Hector. Das klingt nach Polster, ist in einem Sport aber, in dem eine Kleinigkeit – ein Kantenriss, ein zu spät gesetzter Stöckel – alles zerstören kann, nur bedingt beruhigend. Scheib weiß das. „Natürlich ist es im Kopf“, sagt sie, „aber ich versuche mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.“

Die 27-Jährige hat diese Saison vier Mal gewonnen, öfter als jede andere Technik-Dame. Doch die echte Krönung folgt erst, wenn sie in Åre durchs Ziel fliegt und die rote Kugel endgültig nicht mehr zu schlagen ist. Dann wäre sie die erste Österreicherin seit Eva-Maria Brem, die diese Trophäe mit nach Hause nimmt.

Die stunde danach und das loch davor

Die stunde danach und das loch davor

Die Olympiade in Courchevel steckt ihr noch in den Knochen. Rang fünf, 0,07 Sekunden auf Silber – und eine Funk-Anweisung, die sie aus der Bahn warf. „Die Tage danach waren nicht einfach“, gibt sie offen zu. Wer so nah dran war, redet nicht gern über Pech, aber sie redet trotzdem darüber – weil sie weiß, dass nur Offenheit die Enttäuschung löscht.

Cheftrainer Roland Assinger sieht seine Schützling entspannt. „Sie ist sehr gut drauf“, sagt er, nachdem er vom Trainerteam Positivmeldungen aus dem Schnee bekommen hat. „Wenn sie ihre Hausaufgaben macht, sollte sich das ausgehen.“ Klingt nach Routine, ist aber ein Satz, der im ÖSV jahrelang nicht gesagt werden konnte.

Der samstag ist nur die halbe miete

Der samstag ist nur die halbe miete

Sollte in Åre etwas schiefgehen, bleibt Lillehammer. Dort findet das Weltcup-Finale statt, zwei RTL-Läufe, die theoretisch noch alles kippen könnten. Scheib will aber nichts mehr überlassen. „Jetzt ist es zum Greifen nah, von dem her versuche ich am Samstag alles reinzulegen.“

Österreichs Skizucht ist groß. Nach Anna Fenningers Kugeln 2014 und 2015 folgte nichts, nur noch Magerwelle. 79 RTL-Rennen ohne Sieg, kein Podest, kaum Lichtblicke. Scheibs Erfolg in Sölden war mehr als ein Sieg – es war ein Befreiungsschlag. Seither redet niemand mehr über Baustellen, sondern über Chancen.

Shiffrin jagt das große geschichtsbuch

Parallel wird Mikaela Shiffrin am Sonntag ihren neunten Slalom-Weltcup einpacken. Die US-Amerikanerin liegt auf Kurs zu Kristallkugel Nummer sechs – nur Annemarie Moser-Pröll hatte mehr. 108 Weltcupsiege, 125 Punkte Vorsprung auf Emma Aicher. Für sie ist Åre ein Ort der Erinnerung: 2012 gewann sie dort zum ersten Mal, vor drei Jahren überholte sie Stenmark in der ewigen Bestenliste. Während Scheib Geschichte für Österreich wird, schreibt Shiffrin die Weltgeschichte weiter.

Um 10.00 Uhr startet der erste Lauf, 13.00 Uhr der zweite. Dazwischen liegen 180 Sekunden, die über eine Saison entscheiden – und vielleicht über ein ganzes Skileben.